Wo bleibt die Kreativität?

Der eine oder andere mag sich in den letzten Tagen gefragt haben, wie es mit meinem Projekt zur Kreativität aussieht und ob es da noch eine Fortsetzung geben wird. Ja, wird es. Ich sitze derzeit an einem Artikel zum Thema Wahrheit und Kreativität – ungeahnt aktuell nach dem Comeback-Versuch von Karl Theodor. Auch die weiteren angekündigten Themen werden noch veröffentlicht, allerdings in loser Folge. Ich denke, dass mich dieses Projekt noch den ganzen restlichen Dezember mit beschäftigen wird.

Kreativität bei Kindern

Wir brauchen keine Anleitung, um kreativ zu sein! Ein Blick auf Kinder

Es ist also schwierig, wenn einem irgendwann, irgendwo in seinem Leben Kreativität abgefordert wird, wenn man „kreativ sein“ soll. Dieses Sollen ist ein echtes Problem, wenn man nicht gelernt hat, auf diese standardisierte Weise Ideen zu produzieren. Dabei müssen wir Kreativität gar nicht lernen, als Kindern ist sie uns ganz vertraut, wir machen einfach und dass wir dabei kreativ sind, wissen wir gar nicht. Es interessiert uns auch nicht. Erst mit den Augen des neidischen Erwachsenen, der aus dem Spielen herausgewachsen ist, wird Kreativität zur gewünschten Ware.

Wo überall sehen wir bei Kindern Kreativität?

Im Spielen entwickeln Kinder eine ganze Bandbreite an kreativen Lösungen. Wird zum Beispiel mit Lego oder Bauklötzen gespielt, erwacht eine ganze Welt zum Leben. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man als Ergänzung noch ein paar Alltagsgegenstände umfunktionieren muss, die dann das Fehlende ersetzen. Ein beliebter Satz: „Wir tun so, als ob…“ Funktioniert für Kinder problemlos, während die erwachsenen Beobachter oder Mitspieler mit einem milden Lächeln und etwas Ironie dem Essen aus Papierstückchen begegnen. Ein Kind verliert sich in diesen „so als ob“-Welten und kann dort Stunden lang drin versinken. Das Aufräumen ist dann immer ein schmerzhafter Schlusspunkt, denn all die mit neuem Leben und Inhalt gefüllten Elemente werden wieder dem Alltag zugeführt und damit ihres Wertes beraubt.

Im Rollenspiel werden Alltagssituationen nachgestellt und verarbeitet. Auch hier ersetzen Gegenstände die fehlenden Requisiten. Nicht umsonst gibt es inzwischen ganze Kücheneinrichtungen im Kinderzimmerformat, inklusive Kaffeemaschine, Mikrowelle und Waschmaschine. Und geht mal was daneben, kommt der Spielputzwagen mit Staubsauger zum Einsatz. Schöne neue Kinderwelt! Dabei ging das früher auch ohne den ganzen Plastikkram. Wir haben eben so getan, als ob. Dann wurde einfach in der Luft hantiert, wo der Herd sein sollte und der Stift wurde zum Kochlöffel. Kein Problem.

Spielen konnte auch Angst machen, wenn man zu sehr darin aufging. Da konnte ein Fangen-Spiel schon zur Bedrohung werden! Was passiert mit mir, wenn ich geschnappt werde? Man kommt in ein begrenztes Feld und darf nur hinaus, wenn man erlöst wird. Und wenn alle gefangen wurden oder die Zeit um ist, dann verlässt man dieses Feld wieder. Nichts passiert – aber die Fantasie vermittelt dem Gehirn eine reale Gefahr. Erstaunlich, oder? Wir machen uns selbst so erfolgreich etwas vor, dass wir uns fürchten.

Setzt sich ein Kind mit Malsachen oder Bastelmaterial an einen Tisch, so kann man ihm eine Aufgabe geben, zum Beispiel bestimmte Dinge auszumalen oder auszuschneiden, damit daraus eine Laterne wird oder ein Muttertagsgeschenk. Selbst bei den Kindern, die ganz begeistert dabei sind, erlischt die Freue irgendwann. Dann wird nur noch etwas fertig gemacht. (Meistens sieht man sogar, an welcher Stelle das Kind von der Lust verlassen wurde.) Oftmals übt das Material aber einen ganz eigenen Reiz auf die Kinder aus und lässt man sie unbeobachtet probieren, verwirklichen sie in dieser Zeit ganz eigene Ideen. Papier falten, einschneiden, ausschneiden und wieder auseinander falten ist so eine Geschichte. Mütter und Erzieher hassen es, denn es fallen unendlich viele, winzig kleine Schnipsel an, die hinterher mühsam beseitigt werden müssen. Außerdem kommt kaum ein Ergebnis raus, das sich aufzuheben lohnt. Viel Material wurde „verschwendet“. Dabei ist die Faszination und der Überraschungsmoment doch so schön für die Kinder. Sie sind kreativ! Fast alle kriegen sehr schnell raus, wo man schneiden darf und wo nicht, wenn das Ergebnis aus einem Stück bestehen soll. Aus Dreiecken werden Vierecke, aus Bögen manchmal Herzen. Dabei lernen Kinder so viel über Spiegelung und Spiegelachsen. Ein wertvolles Wissen, das sie später anderweitig anwenden werden. Überhaupt spielen Kinder, um zu lernen. Das macht spielen zu einem anstrengenden Job. Für Kinder ist das Spiel, was für Erwachsene die Arbeit ist – zumindest, was die kognitiven Fähigkeiten und die erschöpften Energiereserven angeht.

Egal, welches Material man Kindern anbietet, sie werden etwas damit machen. Da sie noch nicht so übersättigt sind wie die Erwachsenen, und auch noch nicht so viel von der Welt gesehen haben, erfinden sie alles neu. Was sie nicht wissen (können), füllen sie mit ihrer Fantasie einfach auf. Warum auch nicht? Getreu Pippi Langstumpfs Motto „…mach ich mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Ich möchte hinzufügen, dass es heilloses Chaos bringen würde, wenn wir uns tatsächlich die Welt so machen könnten, wie sie uns gefällt. Geschmäcker sind nämlich ganz verschieden und die Bedürfnisse liegen oft weit auseinander. Sprich mal mit einem Bauern über das Wetter, und Du weißt genau, was ich meine! Aber bis zu einem gewissen Grad tun Kinder trotzdem genau das. Alles andere – auch die Forderungen und Ermahnungen der Eltern – blenden sie erfolgreich aus.

Und was hat das alles mit meinem Thema und dem bisher Gesagten zu tun?
Wir können von den Kindern einiges über Kreativität lernen.
  1. Auffällig ist mal die Neugier auf neue Materialien. Dass man sich einfach mit etwas Neuem beschäftigt und versucht, es anzuwenden, zu benutzen, dem eigenen Universum hinzuzufügen. Kinder lernen auf diese Weise sogar die Sprache. Sie hören Worte, sprechen sie aus, bekommen ein Gefühl dafür, dann wenden sie sie an und gucken auf die Reaktion. Je heftiger unsere Reaktion ausfällt, desto interessanter ist auch das Wort. Bei Schimpfwörtern und ähnlich unerwünschten Begriffen sollte man also ruhig bleiben, damit es uninteressant bleibt!
  2. Kinder spielen unheimlich intensiv. Sie versenken sich ganz in ihr Spiel und können uns damit ein Beispiel geben. Wenn wir etwas Kreatives schaffen wollen, sollten wir alle Ablenkungen hinter uns lassen. Wer am Computer sitzt und schreibt, hat da besonders zu kämpfen, denn ein Computer ist immer ein Fenster in viele verschiedene Welten. Hier noch schnell die Mails abrufen (und beantworten), dort ein bisschen im Forum stöbern, bei Twitter vermelden, dass es jetzt losgeht und erstmal die Timeline checken, und wenn man gerade nicht weiterkommt, spielt man eine Runde. Nicht gut. So kommt man nicht zum Ziel. Leichter erreicht man die Versenkung ohne Internet. Beim Zeichnen, Malen, Kritzeln rutscht man ganz leicht in diese tiefe Konzentration, die alles andere ringsum ausblendet. Daher ist es auch nicht übertrieben, wenn wir beim Kritzeln manchmal von „Meditativem Zeichnen“ sprechen. Beim Ausmalen oder Selbstgestalten von Mandalas kommt man an einen ähnlichen Punkt.
  3. Wenn etwas nicht da ist, tut man „so, als ob“. Wir neigen dazu, Ideen abzulehnen oder auszusortieren, weil wir nicht alle Bedingungen erfüllt sehen. Aber könnte es nicht sein, dass man darüber zunächst einmal hinwegsehen kann? Wir tun mal so, als ob alles passt und vorhanden ist und wir nur diesen anderen Weg gehen müssten. Könnte das zu unserem Vorteil sein? Ich tue mal so, als könnte ich zeichnen und setze mich voller Selbstvertrauen an mein Bild. Vielleicht wird es dennoch nicht ganz so, wie gehofft, aber ich habe meinen inneren Kritiker kurz vor die Tür gesetzt und damit den Weg für eine neue Erfahrung frei geöffnet.  

Kinderspiel ist jedenfalls eine gute Möglichkeit, sich die Welt zu erschließen und sie gleichzeitig bunter zu machen. Wer Kinder hat oder betreut, der kann manchmal ein Fitzelchen von dieser Welt in seinen Alltag herüber retten. Ansonsten gelingt es uns meist nur in eigens eingerichteten Nischen, wie unseren Hobbys. Als Grönemeyer sang „Kinder an die Macht“ hat er viel von dieser Idee eingefangen. Hört es euch mal wieder an – und dann spielt eine Runde (ohne Regeln nur so für euch). Wir lesen uns morgen!

Kreativität und Emotionen

Gestern ging es um einen ganz besonderen Bewusstseinszustand während und nach der Ausübung von Kreativität, der den Künstler mit Glücksgefühlen überschüttet. Heute geht es noch einmal um Gefühle – und zwar dieses Mal nicht nur um die Gefühle, die der Künstler selbst hat, sondern ebenso um die Gefühle, die in einem Werk transportiert werden und um die Gefühle der Adressaten.

Beginnen wir beim Ausgangspunkt, bei den Emotionen, die der Künstler hat. Niemand ist völlig emotionslos, es sei denn er ist Vulkanier oder Borg, aber diesen Sonderfall schließen wir einfach mal aus, da er höchst unwahrscheinlich ist. Also hat jemand, der kreativ tätig ist, vor, während und nach der künstlerischen Tätigkeit Emotionen. Diese fließen in sein Werk ein. Besonders deutlich sieht man das, wenn jemand unwillkürlich tätig ist. Zum Beispiel können wir neben einem Telefonat oder in einer Univorlesung vor uns hin kritzeln und stellen dann plötzlich fest, dass wir lauter Blümchen oder lachende Smileys oder eben auch düstere Kreuze gemalt haben. Da waren unsere Gefühle am Werk (interessante Redewendung, oder?). In ihrem Blog http://zendoodle-wege.blogspot.com/ hat Phine häufiger kleine Bilder, mit denen sie sich zen-triert, wo also all die aktuellen Geschehnisse einfließen, einen Kanal finden und später von ihr analysiert werden. Was passiert da gerade in mir? Was kommt da hoch? Bei den Bildern im Kritzelforum sehen wir das auch: Wenn jemand gerade den Kopf sehr voll hat, wird auch das Bild sehr voll, wirr und irgendwie durcheinander. Wir projizieren also unsere Gefühlswelt auf das Medium und geben ihm damit eine Form.

An den kreativen Prozess schließt sich gleich das nächste Gefühl an: Freude!

Kennt ihr das? Wenn man ein Werk vollendet hat – egal, was es ist: Socken stricken, ein Bild malen, einen Roman schreiben, einen Song komponieren, ein Wand neu gestalten, ein leckeres Essen auf den Tisch bringen – ist man glücklich. So aus ganzem Herzen und egal, wie es einem vorher gegangen ist. Da haben wir wieder ein Stückchen vom Flow. Das sei aber nur am Rande erwähnt. Dinge, die man mehrfach hört, prägen sich einfach besser ein. Mit diesem Gefühl der Freude geht es uns gut und folglich sind wir viel ausgeglichener und besser in der Lage, mit unserer Umwelt pfleglich und liebevoll umzugehen. Es ist also für den häuslichen Frieden, das Klima am Arbeitsplatz usw. durchaus förderlich, wenn wir kreativ sind. Ob den Arbeitgebern das eigentlich klar ist? Ich meine ja nur…

Gucken wir jetzt auf das Bild, hören den Song oder lesen den Roman, so können wir manchmal sogar im Werk feststellen, dass sich die Stimmung mitten drin geändert hat. Wir sehen/hören/fühlen vielleicht erst düstere Elemente, bevor dann das Glück überhand nimmt. Nun entsteht kaum ein Werk in einem Durchgang und wir erleben meist keine Rohfassung, sondern eine überarbeitete Version, in der die Brüche oft absichtlich geglättet und poliert wurden, aber ein Hauch der Emotionslage bleibt erhalten. Je besser ich den Autor, Maler, Komponisten kenne, desto besser kann ich seine Befindlichkeit spüren. Je nach Gemütslage würzt man sogar ein Essen, das man viele Male gekocht hat, ander. Es gehört für Künstler viel Mut und Selbstbewusstsein dazu, seine Werke so roh zu präsentieren und sich selbst damit derart zu offenbaren. In dieser Phase ist ein Künstler daher besonders leicht zu treffen. Das sollte man wissen, falls man mal um seine Meinung zu einem nicht ganz fertigen Kunstwerk gebeten wird. Im Alltag und mit der kreativen Freizeitgestaltung ist es etwas moderater. Aber bitte nicht nach einem langen Arbeitstag am Essen herummäkeln!

Fehlt aber noch die dritte Gefühlsebene bei einem Kunstwerk: Die Gefühle des Adressaten.

Adressat, was ist das? Ich könnte auch Rezipient sagen, aber das hilft uns nicht weiter. Kunst besteht zwar oft ganz einfach als Selbstzweck: Es macht mir Spaß zu malen, also mache ich es, egal, wem es gefällt oder missfällt. Gewöhnlich aber hat Kunst von professionellen Künstlern einen Adressaten. Jemanden, der den Roman lesen, der das Bild betrachten, der die Socken anziehen soll, der die Musik-CD kaufen und hören soll. Jeder Künstler macht sich über dieses schemenhafte Gegenüber Gedanken, das beginnt schon bei Hobbykünstlern. Wer behauptet, es nicht zu tun, lügt entweder sich selbst oder alle anderen an. Ich zum Beispiel mache mir große Gedanken darüber, ob dem Leser dieser Text gefällt. Ist er gut zu lesen? Bringt er etwas Neues? Oder empfindet der Leser ihn als Zeitverschwendung und wendet sich ab?

Und jetzt kann man sich fragen, welche Gefühle möchte ich denn bei diesem Gegenüber wecken? Was möchte ich vermitteln?

Ob das dann zutrifft ist eine ganz andere Frage, aber der Künstler bezweckt etwas. Bestes Beispiel: Eine Pietà. Der Schmerz soll sich uns als Betrachtern vermitteln. Stillleben wollen einen eher kognitiven Inhalt übermitteln, oft geht es um Vergänglichkeit, dargestellt in Totenköpfen, Sanduhren und verdorrtem Obst. Aber das funktioniert ebenfall mehr über Gefühle – denn was fühlen wir, wenn wir einen Totenkopf sehen? Er erinnert uns nicht nur auf der logischen Ebene, sondern auch emotional an den Tod, das Sterben, das Vergehen. Freude vermittelt sich ebenso unmittelbar. Man denke nur an fröhlich summende Menschen, die ein Konzert verlassen. Die angeregten Gespräche nach einem Kinobesuch sind ebenfalls ein gutes Zeichen dafür, dass man das Erlebte verarbeiten muss, dass man seine Gefühle irgendwie mitteilen und ausdrücken will.

Oftmals sind die hervorgerufenen Emotionen gewollt, beabsichtigt, geplant vom Künstler. In Romanen fällt das selbst unaufmerksamen Lesern auf. Wer von euch weint beim Lesen? Wer bei Filmen? Und wer hat sich schon mal so richtig über ein „Kunstwerk“ aufgeregt, das aussah, als sei es aus Dreck zusammengefegt? Alles Mache! Ihr werdet manipuliert. Ein Autor klopft seinen Roman ganz genau ab: Ist die Hauptfigur sympathisch? Bangen wir mit ihr mit? Das tun wir nur, wenn sie ab und an Schwäche zeigt. Helden sind eher nicht so interessant. Menschen haben Macken und wir können uns nur dann identifizieren und mitleiden, wenn die Figur, über die wir lesen oder die da über die Leinwand rennt, auch Macken hat. Wenn schon Superheld, dann wenigstens einer, der bei Kryptonit seine Kräfte verliert, oder der so selbstgefällig ist, dass er fast alle Freunde und die Liebe verliert (wie Iron Man). Ohne Schwächen, keine Zuschauergunst, so einfach ist das im Film und im Buch. Wir sehnen ein Happy End herbei und zerfließen in Tränen, wenn es soweit ist. Voller Bedauern schließen wir das Buch oder reißen uns vom Abspann los, denn so hätte es doch ewig weitergehen können, oder? Hätte es nicht – noch so eine Regel in Sachen Emotionen: Beim Happy End wird abgeblend’. Danach kommt nämlich Alltag, den keiner sehen will – oder eine Fortsetzung, die eigens vermarktet wird und wieder nach den gleichen Regeln konstruiert ist. Bud Spencer hat über seine Filme mit Terence Hill gesagt, sie haben gemeinsam 17 Mal den gleichen Film gedreht. Stimmt im Grunde, denn letztlich passiert immer das gleiche. Na und? Wenn die Story funktioniert und die Leute das sehen wollen. Da hat dann eben jemand ganz genau auf die Adressaten geguckt. Das ist dann nicht mehr kreativ und schon gar keine Kunst, aber zumindest unterhaltsam.

Halten wir fest: Kreativität setzt Emotionen bei allen Beteiligten frei.

Die besten Emotionen sind Flow während und nach der Tätigkeit beim Ausübenden, das Glücksgefühl, wenn ein Werk abgeschlossen ist, und das Mitfühlen der Adressaten.

Es gibt aber auch negative Gefühle: Dass zwischendurch manchmal Frust auftaucht, wenn etwas nicht so gelingt, wie man es sich vorgestellt hat, will ich nicht verschweigen. Dass wir oft zu kritisch mit uns sind und was das bewirken kann, habe ich gestern schon ausgeführt. Wie oft lese ich jetzt im Forum des National Novel Writing Month oder bei Twitter von den Teilnehmern des NaNoWriMo Aussagen wie „ich hasse meinen Protagonisten“, „ich hasse meine Geschichte“ oder „ich hasse, wie ich schreibe“. Glücklicherweise verschwindet dieser Hass spätestens nach 50.000 Wörtern am Ende des Novembers. Dann übernimmt nämlich wieder das Glücksgefühl, es geschafft zu haben.

Zielerreichung ist eben selbst bei so wenig messbaren Dingen wie Kreativität ein wichtiger Aspekt. Dazu komme ich noch, wenn es darum geht, dass Kreativität von uns verlangt wird, sei es in der Schule oder im Beruf.

Kreativität – und Flow

Schon komisch, dass ich ausgerechnet heute richtig unter Prokrastination oder Aufschieberitis gelitten habe. Dabei geht es doch heute um ein wunderbares Unterthema der Kreativität: Flow! Das muss man mit richtig viel Timbre in der Stimme lesen und erfurchtsvoll genießen, denn Flow ist etwas ganz Besonderes. Ihr wisst nicht, was ich meine? Also dann will ich es euch erläutern. Der mittlerweile emeritierte Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi gilt als Entdecker dieses Zustands. Sein Buch „Flow. Das Geheimnis des Glücks“ war ein echter Bestseller. Es liest sich nicht wirklich gut, das sei an dieser Stelle mal angemerkt, aber darum geht es ja gar nicht.

Was ist Flow?

Flow ist ein Bewusstseinszustand, in dem man völlig aufgeht (ohne Drogen genommen zu haben), es ist als wäre man außerhalb der Zeit, entrückt und dabei sehr aktiv. Man kann Flow beim Sport erleben, im Wettkampf, im Spiel, in der Kunst – immer dann, wenn man sich ganz auf etwas konzentriert, dabei die Zeit vergisst und regelrechte Glückseligkeit erfährt. Hinterher ist es, als würde man aus einem Traum erwachen, man guckt auf die Uhr und ist erstaunt, wie viel Zeit vergangen ist, aber es tut einem kein bisschen leid.

Mir persönlich geht es auch so bei richtig guten Büchern, bei den Schmökern, die einen gar nicht mehr loslassen, die man nicht weglegen kann, weil man unbedingt wissen muss, wie die Geschichte weitergeht. Im Englischen nennt man das „Pageturner“, also ein Buch, bei dem man fast zwanghaft Seite um Seite liest und umblättert.

Laut Mihaly Czikszentmihalyi (den ich ab jetzt mit M. C. abkürze) ist die Fähigkeit dazu, Flow zu erleben, nicht bei jedem gleich intensiv ausgeprägt, aber man kann sie trainieren und verstärken. Also bitte nicht verzweifeln, wenn ihr den Zustand noch nicht kennen gelernt haben solltet, das kann noch werden! Einige Menschen erreichen das sogar bei der Arbeit… Nun ja, das ist mir bisher eher dann passiert, wenn ich stupide Arbeit hatte und der Kopf frei eigenen Ideen nachgehen konnte. Dann hatte die Glückseligkeit aber wenig mit der Arbeit selbst zu tun. M. C. sagt, dass Flow dann entsteht, wenn Anforderung und eigenes Können ausgewogen sind. Ist eine Tätigkeit nicht anspruchsvoll genug, langweilen wir uns. Überfordert sie uns, macht sich Frustration breit. Die Balance zwischen beidem ist also der Schlüssel.

Und diesen Schlüssel stecken wir jetzt in das Schloss mit dem Namen „Kreativität“ und gucken, was dann passiert…

Wenn man etwas Künstlerisches tut – egal was und in welchem Medium und mit welchem Rohmaterial – dann hat man im Freizeitbereich erstmal keine von außen gestellten Anforderungen. Wir selbst definieren, was wir erreichen wollen, und messen daran unser Ergebnis. Meistens sind unsere Erwartungen zu hoch, sodass einige nach wenigen Versuchen bereits aufgeben und sich für talentfrei halten. Das ist schade. Sich an einem großen Vorbild zu orientieren, mag manchmal motivierend sein, aber in der Regel schadet es nur, wenn man auf das Ergebnis schielt. Ich kann eben nicht mit einem ersten Ölbild eine „Mona Lisa“ schaffen. Selbst Leonardo hat viele Jahre an diesem Meisterwerk herumgemäkelt und immer wieder verändert. Was bilden wir uns also ein, dass wir bei gelegentlichen Versuchen erreichen können? Wir überfordern uns selbst und verhindern so den Flow.

Ich telefoniere täglich mit meinen Eltern und dabei erzählt mir meine Mutter mitunter von ihren Skizzen und Aquarellbildern. Neulich war sie wieder total unzufrieden. Sie hatte eine Vorlage aus einem Buch kopiert – also freihändig versteht sich – und nun coloriert. Da sie die eine Farbe nicht getroffen hatte, war sie völlig enttäuscht und ein bisschen entmutigt. Erstmal habe ich ihr berichtet, dass wir im Kritzelforum auch immer rummosern, weil die Farben in der elektronischen Adaption, sei es mit dem Scanner oder dem Fotoapparat, nie so richtig wiedergegeben werden und daher das Bild verfälscht wird. Daher gehe ich mal davon aus, dass die Farben im Buch gar nicht dem Originalbild entsprechen. Wie sollte also meine Mutter ihr Bild farblich genau anpassen können? Am folgenden Tag hatte sie sich mit dem Bild dann ausgesöhnt, denn jetzt hatte sie es erstmals ohne die Vorlage betrachtet. Das heißt, dass sie sich erst von der Erwartung lösen musste, eine originalgetreue Kopie zu erstellen, um ihr eigenes Werk zu schätzen und damit glücklich zu werden.

Ich kenne das auch von mir selbst, dass ich erst Abstand zu einem Bild oder einem Text brauche, um voll zufrieden zu sein. Das heute hier veröffentlichte Bild zum „Wöchentlichen Kritzelspaß“ ist dafür ein gutes Beispiel. Ich finde es irgendwie zu kahl, sehe selbst nichts in den Mustern und bin distanziert. Die Mitstreiterinnen im Forum haben hingegen sofort eine Harfe erkannt und mochten das Bild. Tja, da war ich vielleicht zu kritisch mit mir. Unabhängig von dem Beispiel hat die anschließende Unzufriedenheit aber nur in zweiter Linie mit dem Flow zu tun. Während des Kritzelns, Zeichnens, Schreibens, Sport Treibens usw. können wir nämlich unabhängig vom Ergebnis durchaus ganz tief in unser Tun versunken sein, also Flow erleben.

ABER: Durch unsere anschließende Kritik und Unzufriedenheit, verderben wir die Langzeitwirkung.

Diese besteht darin, dass wir das eben erlebte, gute Gefühl möglichst ganz schnell wieder haben wollen. Dazu würden wir normalerweise die Tätigkeit wieder aufnehmen, die uns so gut getan hat. Kritisieren wir aber daran herum, vergeht diese Sehnsucht nach Wiederholung vorübergehend und wir müssen uns zwingen, uns erneut daran zu setzen.

Den umgekehrten Ablauf gibt es übrigens beim Sport. Wenn wir uns während der sportlichen Betätigung zu stark fordern, ist sie nicht angenehm. Selbst wenn wir dann im Anschluss ein Hochgefühl haben, weil wir den inneren Schweinehund überwunden haben und der Körper sich herrlich entspannt anfühlt, ist die Hürde für die Wiederholung sehr hoch. Kommt dann noch Muskelkater dazu, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es beim einen Mal bleibt.

Wir halten fest: Etwas, dass uns weder überfordert, noch langweilt ist geeignet uns in den Zustand des Flow zu versetzen. Das fühlt sich ausgesprochen gut an, sodass wir das Erlebnis wiederholen wollen. Stehen wir uns selbst mit Kritik im Weg oder überfordern wir uns, verspielen wir das gute Gefühl und damit die Chance auf baldige Wiederholung. Und an dieser Stelle gibt es dann noch einen entscheidenden Pferdefuß, wie Geoff Colvin herausgefunden hat.

In seinem Buch „Talent wird überschätzt“ setzt er sich mit den sogenannten „Wunderkindern“ und Überfliegern auseinander. Wir neigen dazu, besondere Begabungen und Talente zu vermuten, wenn jemand eine überdurchschnittliche Leistung erzielt – Mozart, Tiger Woods, Bill Gates, Albert Einstein, Pablo Picasso aber auch Rockefeller. Wir trösten uns gerne ein bisschen und kaschieren unsere eigenen Misserfolge damit, dass wir das „Genie“ herbeizitieren und damit ausdrücken: Mit dem kann man sich als Normalsterblicher ja sowieso gar nicht messen. Aber stimmt das wirklich? Geoff Colvin sagt nein. Anhand von biografischen Daten konnte er eindeutig belegen, dass diese Wunderkinder einfach sehr viel geübt haben, dass sie früh angefangen haben zu üben und dass sie über Förderung und Lehrer verfügten, bevor sie mit ihren Leistungen an die Öffentlichkeit getreten sind. Zehn Jahre intensiven Übens sind seiner Meinung nach mindestens nötig, um diesen Leistungsstand zu erreichen. Das ist tröstlich für die, die noch Großes erreichen wollen, aber desillusionierend für die, die noch nichts erreicht haben.

Zielgerichtetes Üben und gute Anleitung machen also den Unterschied zwischen den Genies und den Normalos.

Ein bisschen Talent für ein spezifisches Feld mag dabei auch noch vorhanden sein, räumt Colvin ein, aber es sorgt eher dafür, dass man Interesse aufbringt und sich daher mehr mit der Materie beschäftigt. Und damit schließt sich der Kreis rund um Talent, Flow, Weiterentwicklung und – in unserer Betrachtung – Kreativität. Das Talent sorgt dafür, dass wir uns für etwas interessieren. Wenn wir uns dann darin versenken, erleben wir den Flow-Zustand, den wir immer wieder erleben wollen, und beginnen durch Wiederholung zielgerichtet zu üben, was letztlich zu einem Fortschritt in der kreativen Betätigung führt. Oder im Umkehrschluss: Wer sich für etwas interessiert und nicht von Anfang an sich selbst durch zu große Erwartungen torpediert, der kann große Fortschritte machen und dabei ein um das andere Mal großes Glück erfahren. Nehmen wir uns also nicht die Meisterwerke als leuchtende Vorbilder, die wir kopieren wollen, sondern kopieren wir die Meister selbst in ihrer Hingabe und Beharrlichkeit!

Kreativität – eine neue Sicht auf die Welt

Was ändert sich, wenn man das kreative Medium wechselt? Ein Erfahrungsbericht

Okay, ihr wisst jetzt, wie ich meine Umwelt den größten Teil meines Lebens über wahrgenommen habe. Ihr wisst, dass ich alles, was auf mich einstürzte in Worte gepackt habe und auf der Suche nach der ultimativen Formulierung war. So hätte es theoretisch ewig weitergehen können, wenn sich nicht diese Tapetentür vor mir geöffnet hätte. (Wer nicht weiß, was gemeint ist, lese noch einmal den Eintrag vom 1. November mit der Einführung in dieses Projekt nach.)

Hinter dieser Tür, durch die ich neugierig und wie magisch angezogen trat stürzte eine ganze Menge an neuen Ideen, Informationen und eine neue Weltsicht auf mich ein, die ich versuchen will, euch zu zeigen. Es begann also mit dem Buch „How to make a Journal of your Life“ oder vielleicht war das Buch gar nicht so wichtig, sondern vielmehr mein innerer Zustand. Wer weiß? Jedenfalls begann ich sofort damit, zu zeichnen – und zwar nicht zaghaft mit Bleistift und immer bereit, Missglücktes auszuradieren, sondern mit mutigen, schwarzen, permanenten Tintenstrichen. Mit einem Edding in diesen ersten Tagen! Edding, das bedeutete in unseren Jugendtagen: Für die Ewigkeit. Das geht NIE WIEDER ab. Jeder Strich ein Statement, so fühlte ich mich. Und erstaunlicherweise machte es mir keine Angst, sondern befreite mich. Munter zeichnete ich drauf los. Innerhalb kürzester Zeit kamen weitere Bücher hinzu. Ganz besonders hilfreich war „The Creative License: Giving Yourself Permission to Be The Artist You Truly Are“ von Danny Gregory (zu deutsch etwa: Die Lizenz zur Kreativität: Gib Dir selbst die Erlaubnis, der Künstler zu sein, der Du tatsächlich bist). Und was Betty Edwards mit „Garantiert zeichnen lernen“ bei mir nicht gelungen ist, hat Danny Gregory spielend geschafft. Er hat mich dazu gebracht, richtig hinzusehen. Zeichnen können hat etwas mit sehen können zu tun. Seine Methode sieht so aus: Wenn Du etwas abzeichnen möchtest, dann fahre die äußere Kontur ganz langsam mit den Augen nach, während gleichzeitig Deine Hand in der gleichen Weise über das Papier führt. Du brauchst dazu nicht mal auf das Blatt gucken! Nicht ablenken lassen, nicht mit den Augen hin und her springen, immer nur der äußeren Kontur folgen. Wenn die äußere Umrandung fertig ist, widme Dich in gleicher Weise den inneren Teilen. Auf diese Weise habe ich eine Tasse abgezeichnet, ohne hinzu sehen. Ebenso einen Stuhl, das Innere meines Badezimmerschranks und etliche Dinge mehr. Es funktionierte! Und warum funktioniert das?

Menschen müssen sich untereinander verständigen, um eine Gesellschaft zu bilden. Schon die Steinzeitmenschen mussten sich bei der Jagd verständigen, um den Angriff auf das Wild zu koordinieren. Dazu musste man Landmarken benennen. Also wurden Oberbegriffe gebildet. Nehmen wir das Beispiel „Baum“ – mein Phonetikprofessor wäre beglückt wenn er das lesen würde. Jeder von uns „weiß“, was ein Baum ist, wie er aussieht und er kann ihn überall erkennen. Wenn wir einen Baum malen sollen, malen wir einen Stamm und eine Krone, die meist aus einer mehr oder weniger runden Grundform mit vielen halbkreisförmigen Ausbuchtungen versehen ist. So etwa:

Das ist natürlich kein wirklicher Baum, es ist ein Abbild, das jeder versteht. Hier darf man sich gerne an Platons Höhlengleichnis erinnern, in dem die Menschen in einer düsteren Höhle vor einer Wand angekettet sitzen. Hinter ihnen brennt ein Feuer und es werden Gegenstände so vorbeigetragen, dass die Angeketteten nur deren Schattenriss an der Höhlenwand sehen können. Erst wenn einer aufsteht und sich umdreht, sieht er die wahren Objekte und nur wenn er aus der Höhle heraustritt, erkennt er die Welt in ihrer Gesamtheit. Genau das passiert uns auch beim Zeichnen gewöhnlich. Wir sehen nicht richtig hin, sondern erfassen „Das ist ein Baum“. Also malen wir einen Baum – und nicht das, was wir wirklich sehen. Man muss sich am Anfang förmlich zwingen, den Stift nicht voraus eilen zu lassen, um aufs Papier zu bringen, was wir denken, das wir sehen!!!

Ich sollte ja einen Stuhl zeichnen, so die Aufgabe von Danny Gregory, indem ich genau die Außenkonturen mit Augen und Stift nachfahre und dann erst die inneren Details einzeichne. Es war unglaublich schwierig. Warum? Ganz klar, ich weiß doch, wie ein Stuhl aussieht. Also habe ich immer wieder auf mein logisches Denken umgeschaltet und versucht, die verschiedenen Beine und Verstrebungen des Stuhls „richtig“ d.h. logisch miteinander zu verbinden. Das ging ganz gewaltig daneben im ersten Anlauf. Dieser Stuhl hätte niemals stehen können, und ich hätte mich auch nicht darauf setzen mögen. Erst als ich die Logik abschalten konnte – vergleichbar dem inneren Kritiker beim Schreiben – konnte ich den Stuhl so zeichnen, wie er vor mir stand. Na gut, wenigstens ungefähr, denn außer dem Sehen gehört auch noch etwas Übung dazu. Doch auf diese Weise war es mir rasch möglich, selbst komplizierte Dinge abzuzeichnen. Solange sie sich nicht bewegen und man beim optischen Abtasten nicht gestört wird, geht es richtig gut. Ihr könnt euch vorstellen, dass allein dies schon zu einer veränderten Wahrnehmung meiner Umwelt geführt hat. Ich habe mich von alten Bildvorstellungen getrennt. Ich habe bewusst gesehen, dass ein Baum zwar ein Baum ist, aber jeder Baum anders ist. Jeder Grashalm ist anders, jeder Stein ist anders und vor allem ist jedes Individuum anders. Genau hinsehen muss man, um die Einzigartigkeit zu erkennen und übertragen zu können. Dabei ist es nicht das Ziel, eine genaue Kopie zu machen – dann sollte man zum Fotoapparat greifen – sondern die Besonderheit greifbar zu machen, indem man eine Beziehung zu dem Objekt seiner Zeichnung eingeht. Es wird mein Baum, wenn ich ihn lange genug ansehe. Ich würde ihn wiedererkennen. Ebenso das Haus oder den Berg, den ich gezeichnet habe.

Aber das war nur der Anfang.

Richtig extrem wurde es, als ich mich an die Muster machte. Mir gefielen diese schwarz-weißen Kunstwerke, die aus hundertfach wiederholten kleinen Elementen bestanden und dabei so eine Leichtigkeit ausstrahlten von Anfang an sehr gut. Jetzt machte ich mich selbst daran, solche zu kreieren und kam schnell an den Punkt, wo ich über neue Muster nachdachte. Man kann nur aus simplen parallelen Strichen hunderte von verschiedenen Mustern machen. Man kann schmale Striche im immer gleichen Abstand nebeneinander setzen oder man kann dickere Striche malen oder dicke und dünne Striche abwechseln, in Gruppen anordnen zu zweien, dreien, vieren, fünfen… Man kann senkrechte Striche mit waagerechten abwechseln oder schräge Striche gegeneinander stellen, sodass sie kleine Dächer bilden. Unendliche Möglichkeiten! Und dann nimmt man Bögen, Kreise, Wellen Punkte usw. hinzu und beginnt einzelne Elemente auszumalen, dann zu schattieren und schließlich zu colorieren.

Wenn man einmal damit beginnt, Muster zu suchen, dann ist es zu spät, dann hat der Virus voll zugeschlagen. Auf einmal sieht man überall Muster. Hier ein paar Beispiele, die ich heute Morgen an der Bushaltestelle aufgenommen habe.

   

Seht ihr die Muster? Manche sind sehr einfach, wie die Karos in der Bank, andere hoch komplex, wie die verstreuten Blätter. Schaut euch mal selbst um: Dachziegel, Gehwegplatten, Zäune, Markisen draußen; drinnen das Porzellan, die Bettwäsche, das Tischset, der Topflappen… Es nimmt kein Ende, wenn es einmal angefangen hat.

Um auf die geänderte Sicht noch einmal zu kommen, möchte ich ein Beispiel anführen. Ich war kürzlich mit einer lieben Freundin in einem berühmten Berliner Café am Kurfürstendamm. Wir saßen dort oben und es war bei schönstem Sommerwetter ziemlich voll. Ein Teil von mir wollte alles in Worte fassen, ein anderer Teil mischte im Kopf die Farben an. Der eine Teil versuchte, die Farbe des Kleides genau zu beschreiben, der andere Teil erkannte eine Mischung aus mehreren Farbtönen, die man übereinander anlegen müsste, um die Schattierungen des Stoffes darzustellen. Um mich herum sind seither die Farben dieser Welt schier explodiert! Heute Morgen im Bus hätte ich am liebsten angehalten und die ganzen satten Herbstfarben einzeln studiert oder wenigstens gebührend bewundert. Da waren reine Gelbtöne neben rostig-roten Brauntönen und einzelnen grünen Blättern. Das ganze überthront vom dunklen Grün der Fichten.

Dabei belasse ich es für heute mal. Das war jetzt ziemlich heftiger Tobak, denke ich. Lasst es in Ruhe sacken – oder lasst euch anstecken und kommt in unser Kritzelforum :-) – und dann geht es morgen weiter mit einem ganz besonderen Gefühl: “Flow”. Schon mal gehört? Schon mal gespürt? Was das mit Kreativität zu tun hat? Wir werden sehen…

Kreativität – Autorensicht – Ergänzung

Meine Sicht der Welt in Worten. Die Ausgangssituation (Ergänzung)

Wie bereits gesagt:

„Und das will auch keiner in dieser Detailfülle wissen, wenn wir ehrlich sind.“

Genau das tun manche Autoren aber trotzdem! Sie beschreiben alles bis ins letzte, kleinste Detail und strapazieren damit die Nerven und das Durchhaltevermögen ihrer Leser. Ich offenbare jetzt hiermit, dass ich aus diesem Grund ein Buch nach nur wenigen Seiten weggelegt habe. Es war von dem durchaus bekannten und erfolgreichen Jugendbuchautor Rainer M. Schröder und der erste Band einer ganzen Reihe („Die Bruderschaft vom Heiligen Gral“). Ich habe mich durch die ersten Seiten mehr gequält, als dass ich eingetaucht wäre in die Geschichte. Als in aller Ausführlichkeit ein junger Ritter beschrieben wurde, habe ich aufgegeben. Sagen wir mal so, jeder von uns hat eine Vorstellung davon, wie ein Ritter ausgesehen hat im Mittelalter. Herr Schröder hielt es für nötig, alle Ausrüstungsgegenstände genau zu benennen, ihr Aussehen und ihre Position detailliert zu beschreiben. Das Schwert in seiner Scheide aus keine Ahnung welchem Material, die er auf eine bestimmte Weise am Gürtel befestigt hatte, war soundso lang und hing ihm an der linken Hüfte entlang, schräg nach hinten bis kurz über dem Erdboden, sodass sie ihn behinderte, wenn er Bewegung xy ausführen wollte, jedoch genauso, dass er im Notfall schnell danach greifen und das Schwert an seinem Heft herausziehen konnte… blablabla. Sorry, Herr Rainer M. Schröder, ich konnte das Buch nur angewidert zuschlagen und aus meinem Haus verbannen.

Ja, ich weiß, Geschmäcker sind verschieden und viele Menschen lesen seine Werke gerne. Bitte sehr! Das bestätigt ja nur, was ich im Haupteintrag schon ausführte. Jeder Leser ist anders und braucht etwas Anderes, um angesprochen zu werden.

Und ich weiß, dass ich mit meinen literarischen Vorlieben auch manchmal einsam sein kann. So empfinde ich die Beschreibungen bei Thomas Mann ganz und gar nicht langweilig. Ich denke da zum Beispiel an das Weihnachtsfest, das er in „Die Buddenbrooks“ ausführlich vor dem Leser ausbreitet. Wie die Kinder den festlich geschmückten Raum betreten und alles von Glanz erfüllt ist, der große Baum und wie sehr sich das Zimmer durch die besondere Atmosphäre verändert hat. Das finden andere Leser überflüssig und langweilig, ich genieße es.

Zum genialen ersten Satz und seiner Bedeutung ist mir außerdem in Erinnerung geblieben, dass ich mal einen Roman gelesen habe, in dem der Autor sich eines ganz interessanten Kunstgriffs bedient hat. Er schrieb einen ersten Satz (der wirklich gut war!) und knüpfte sofort seinen inneren Dialog darüber an, ob der Satz gut war und jeden erreicht hat. Um dann eine halbe Seite weiter unten in der Feststellung endete, dass damit schon die erste halbe Seite geschafft sei und nun die gefährliche Klippe umschifft sei, wo diejenigen abspringen, die einen Roman in der Buchhandlung anlesen und gleich wieder weglegen. Übrigens hatte er Recht: Ich habe so geschmunzelt, dass ich das Buch gekauft habe. Der Rest war offenbar weniger gut, denn er ist mir nicht in Erinnerung geblieben, nicht mal mehr der Autor mit Namen. Das sagt nichts Gutes über ihn aus. Sachdienliche Hinweise zur Person dieses Autors und seinem Werk werden gerne entgegen genommen!

Kreativität – Autorensicht

Meine Sicht der Welt in Worten. Die Ausgangssituation

Stellt euch vor, ihr geht durch die Straßen eurer Stadt oder eures Dorfes oder durch den Wald, ihr sitzt in der Bahn, im Flugzeug oder im Restaurant und nehmt alles in eurem Umfeld in euch auf.

Was seht ihr? Was hört ihr? Was fühlt ihr? Was riecht ihr?

Wenn ihr mir diese Frage beantworten wollt, dann müsst ihr beschreiben. Ihr beschreibt mir die Häuser, die Bäume, die Passagiere oder andere Gäste im Lokal. Ihr gebt wieder, was sie für Kleidung anhaben, wie ihre Gesichter und Frisuren aussehen, was sie sich gegenseitig erzählen. Vielleicht sagt ihr mir, welche Musik im Hintergrund gespielt wird oder wie der Raum dekoriert wurde, welcher Vogel da im Unterholz zwitschert, wie es während des Flugzeugstarts in der Magengegend kribbelt und auf den Ohren drückt. Da gibt es also massenhaft Information, die ihr mir übermitteln würdet.

Im Extremfall müsstet ihr davon ausgehen, dass ich blind bin und daher keinen Referenzrahmen habe. Dann hätte ich keine Vergleichsmöglichkeit, wenn ihr mir erzählt, dass die Esserin am Nebentisch die Haare wie Frau Merkel trägt. Ihr müsstet die Frisur im Detail beschreiben. Wo ist der Scheitel? Wie lang sind die Haare vorne und hinten? Ist der Schnitt gerade oder schräg angelegt?

Das kann man unmöglich alles erfassen! Und das will auch keiner in dieser Detailfülle wissen, wenn wir ehrlich sind. Jeder zufällig Anwesende würde etwas anderes herauspicken und mir erzählen. Das hat damit zu tun, was für den Einzelnen wichtig ist. Da ein Autor oder eine Autorin jedoch nicht weiß, was jeder einzelne Leser gerne wissen möchte, ist er oder sie in einem Dilemma. Zunächst einmal berichtet ein Autor (ich lasse mal die Gender-Endung weg, das liest sich besser – auch wenn ich damit Worte für den Wordcount beim NaNoWriMo einbüße) das, was er selbst für wichtig in Bezug auf die Geschichte hält.

Was MUSS ein Leser wissen, um dem Geschehen folgen zu können?

Aber ein bisschen hat der Autor vielleicht auch im Hinterkopf, dass Menschen alle unterschiedlich sind und jeder einen etwas anders ausgeprägten Empfangsmodus hat. Bin ich visuell, auditiv, taktil oder olfaktorisch geprägt? Das heißt, erreichen mich Informationen am besten über den Seh- oder Hörnerv, über das Tasten oder Riechen und Schmecken? Übrigens ist das etwas, das auch Lehrer bei der Differenzierung ihres Unterrichts berücksichtigen sollen – aber das nur am Rande. Wenn ich mein Buch verkaufen will, muss ich jedem wenigstens ein bisschen von dem bieten, was er am besten verarbeiten kann, sonst legt er das Buch nämlich zur Seite! Wenn er es vorher käuflich erworben hat, darf er das natürlich tun, aber er würde auch kein zweites vom selben Autor kaufen. Auf gar keinen Fall sollte er es schon nach dem Anlesen in der Buchhandlung weglegen :-)

Was bedeutet das aber für einen Menschen, der gerne schreibt oder sich gerne mit Worten ausdrückt? Es bedeutet, dass man ununterbrochen versucht, die treffende Formulierung zu finden. Im Kopf formuliert man die Beschreibung, selbst wenn man gar nicht vorhat, über diesen Raum, diesen Wald, dieses Flugzeug, dieses Restaurant zu schreiben. Es ist ein Automatismus, der sich nicht abstellen lässt. Dialoge, die man hört, memoriert man, verknappt sie, überspitzt sie, schleift sie bis sie lesetauglich werden. Gleichzeitig sucht man das richtige Wort, um den Tonfall greifbar zu machen. Und was machen der Sprecher und der Adressat für ein Gesicht? Wie wirkt sich dazu die Atmosphäre des Raumes aus? Gibt es eine Einheit oder vielleicht einen wirkungsvollen Kontrast, den man ausschlachten und verwenden kann? Es wird zu einer Manie – ich gebe es zu – , wenn man damit beginnt, die eigene Erlebniswelt anderen Menschen auf dem Weg der Sprache zu eröffnen. (Dass das mit anderen Wegen ebenso ist, dazu komme ich morgen. Also geduldet euch ein bisschen.)

Bei mir ging das zwischenzeitlich so weit, dass ich selbst nachts im Traum noch an Dialogen geschliffen habe. Dabei schreibe ich gar nicht so gerne in Dialogen, sondern liebe die Beschreibung. Kennt ihr den Film „Wirf die Mama aus dem Zug“ mit Danny DeVito? Da geht es um einen Schriftsteller namens Larry (Billy Crystle), der eine heftige Schreibblockade hat seit seine Frau sein Manuskript geklaut und selbst erfolgreich veröffentlicht hat und nun seinen Lebensunterhalt mit Schreibseminaren an der Volkshochschule (oder wie das amerikanische Pendant dazu heißen mag) verdient. In seiner Klasse sitzt Owen (Danny DeVito), der vom Schreiben träumt und richtig miese Krimis verfasst. Er wohnt als Ödipussi bei seiner Mutter – herrlich gespielt von Anne Ramsey! – und hasst sie abgrundtief, weil sie ihn terrorisiert, er ihr das Ohrenschmalz entfernen muss usw. Immer wieder sieht man, wie er zur langen Schere greift, um sie ihr ins Ohr zu stoßen oder ähnliche Tagträume und Krimiversatzstücke seinerseits, die zu ihrem unschönen Tod führen. Wir sehen aber auch Larry, der vor der Schreibmaschine sitzt und mit der Blockade kämpft. Schon der erste Satz des neuen Romans will einfach nicht glücken. Er sucht nach der einzig wahren, treffenden Formulierung. Da heißt es:

Die Nacht war heiß. Die Nacht war heiß und feucht. Dann war sie schwül. Die Nacht war schwül…

So geht das Lamento von Larry immer weiter, ohne dass er ins Schreiben käme. Später ist es ausgerechnet Owens Mutter, die den fantastischen ersten Satz produziert:

„Die Nacht war zum Ersticken.“

Sie kann dem gewaltsamen Tod durch den wütenden Larry nur knapp entgehen. So geht es Schriftstellern! Sie suchen das richtige Wort, den fantastischen ersten Satz, die ultimative Konstruktion, um den Leser wie mit den Klebefäden einer Spinne einzuwickeln und nicht mehr aus den Fängen zu lassen, bis er dieses Buch und alle weiteren desselben Autors gekauft und verschlungen hat. So läuft das! Im Idealfall.

Als Gegenbeispiel zu diesem verkrampften Herangehen möchte ich noch ein Buch und ein Projekt besonders erwähnen. Es geht nämlich auch ganz anders:

Der wunderbare Comic (Hardcover) „Doktor Dodo schreibt ein Buch“ von Ole Könnecke, erschienen bei Carlsen Comic, ist eine humorvolle Umsetzung der diversen Schreibratgeber auf dem Markt. Erzählt wird wie Doktor Dodo sich langweilt, weil er alle Bücher in seiner Bibliothek bereits gelesen hat. Er fasst den Entschluss, selbst ein Buch zu schreiben und zwar genau das Buch, das er schon immer lesen wollte. Nachdem er sich genau überlegt hat, wie der Protagonist sein soll (er gleicht ihm aufs Haar oder vielmehr auf die Feder, ist ja ein Dodo), macht er sich ans Schreiben. Seine Überlegungen dazu lesen wir in den Sprechblasen:

„Und jetzt schreibe ich den ersten Satz! Der erste Satz ist ja bekanntlich der wichtigste. Der erste Satz ist wie die Ouvertüre einer grossen Oper, wie das Fundament einer Kathedrale. Wenn der erste Satz nichts taugt, kann man das ganze Buch vergessen.“

Soweit die Vorüberlegungen, die sich mit dem Film und dem schreibblockierten Schriftsteller decken. Doch dann kommt die entscheidende Wendung bei Doktor Dodo:

„Also gut. Ich fange erst Mal mit dem zweiten Satz an. Wozu sich das Leben unnötig schwer machen.“

In dieser wirklich heiteren Weise arbeitet sich Doktor Dodo durch seinen Roman. Dabei sind die Schreibhinweise absolut treffend und werden dann eben auf einer zweiten Ebene von Doktor Dodo sofort befolgt, wie wir lesen können. Ein riesiger Spaß für alle, die gerne mal einen Schritt zurück treten wollen, um sich beim Lesen zu beobachten und ihre Erwartungen ans Licht gezerrt zu sehen. Für Schreiber aller Niveaus ist das noch mal zusätzlich spannend.

Die andere Möglichkeit, ganz locker einen Roman zu schreiben ist natürlich das internationale Projekt „National Novel Writing Month“. In 30 Tagen einen Romanentwurf mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben klingt nach einer Tortour ist doch ein großer Spaß. Der Trick ist, den inneren Kritiker auszuschließen aus dem Schreibprozess. Gewöhnlich arbeiten beide Gehirnhälften beim Schreiben ständig zusammen. Die eine Seite liefert die Bilder, die Atmosphäre usw. die andere achtet auf Logik, korrekten Satzbau, Rechtschreibung und andere Formalitäten. Das ist ein tolles System! Allerdings eines, das den Prozess sehr verlangsamt. Wenn man jedes Wort auf die Goldwaage legt und wieder und wieder feilt, dann dauert es ewig, auch nur eine Seite zu Papier zu bringen. Darum schreibt man im NaNoWriMo ohne den inneren Kritiker oder Zensor und verschiebt den logischen, ordnenden Arbeitsteil auf den Dezember. Es gelingt nicht immer, ich gebe es zu. Aber das Prinzip wird uns im Laufe dieser Texte über Kreativität noch manches Mal begegnen. Zwar glaubt jeder Teilnehmer während des Schreibens, er schriebe Mist, Blödsinn, habe hunderte Fehler gemacht, aber er schreibt einfach weiter! Irgendwann läuft es fast von selbst. Die Figuren erzählen ihre Geschichte, der Autor schreibt diese nur auf – wie bei einem Diktat. Denken? Unangebracht. Nur schreiben.

Und genau an dieser Stelle fließen dann all die Beobachtungen ein, die man in seinem Leben gemacht hat. Wie fühlt es sich an, wenn das Flugzeug startet? Wie sieht der Wald aus, wie klingt er, wie fühlt er sich an, wie riecht er? Ein witziger Dialog im Restaurant? Haben wir zu hunderten im Oberstübchen abgespeichert. Die Menschen, die Häuser, die Atmosphäre an bestimmten Orten… Beim NaNoWriMo und sonstigen Schreiben lassen wir sie einfach in den Text fließen. Und darum bestand meine Welt immer aus Worten.

Was sich geändert hat, als ich das kreative Medium gewechselt habe, das berichte ich morgen.

Kreativität – Einführung in mein Novemberprojekt

Hiermit beginne ich offiziell meine Arbeit am „National
Novel Writing Month“! Dieses Jahr wie angekündigt als Rebellin, die eben keinen
Roman schreibt, sondern Essays und Texte rund um Kreativität und ihre verschiedenen
Ausprägungen. Heute möchte ich euch zunächst eine Einführung in dieses Projekt
geben, das mich einen Monat lang beschäftigen wird. Ich berichte euch, was mich
zu diesem Vorhaben veranlasst, ab wann ihr jeweils mit dem täglichen Eintrag
rechnen könnt und welche Themen ich auf der Liste habe. Dann wisst ihr gleich,
ob es sich für euch lohnt „dranzubleiben“. Ich hoffe natürlich, dass ihr
dranbleibt, lest, kommentiert, eigene Erfahrungen hinzufügt!

Ich habe immer gedacht, ich wäre kreativ, weil ich viel
geschrieben habe, weil ich Musik gemacht habe, weil ich gebastelt habe und
Handarbeiten machte, aber erst in diesem Jahr habe ich erfahren, was
Kreativität wirklich ist. Wie es dazu kam? Mein Medium war immer die Sprache.
Ich kann mich gut ausdrücken, Menschen mit meinen Ausführungen begeistern – wie
bei den Führungen durch das Museum -, habe Geschichten erzählt und geschrieben,
genieße Sprache beim Lesen, Sprachspiele wurden täglich gemacht, ich kann mir
hunderte Filmzitate merken usw.

Es stand für mich fest: Meine Welt ist aus Worten gebaut und
ich baue sie in Worten weiter.

Trotzdem gab es da immer diesen großen Wunsch, zeichnen zu
können. Ich habe es mit diversen Büchern versucht. Das heißt ich habe Material
gekauft, mich an die Arbeit gemacht, mir große Projekte vorgenommen – und bin
gescheitert. Schon nach relativ kurzer Zeit habe ich den Versuch aufgegeben, da
ich keine Verbesserung gesehen habe. Und wenn das Buch heißt „Garantiert
zeichnen lernen“, dann bedeutet es noch immer nicht, dass man sich darauf
berufen kann, wenn es nicht klappt. Auch „Der Weg des Künstlers“ ist nett, aber
ehrlich gesagt hatte ich sehr bald genug davon, mein inneres Kind zu verwöhnen.
Letztlich kam ich mir etwas albern vor. Doch die Sehnsucht blieb…

Also lenkte ich mich mit Bastelarbeiten ab. Hunderte von
Freundschaftsbändern mit möglichst komplizierten Mustern beschäftigten mich.
Scherenschnitte, Perlenweben, Häkeltiere, Socken stricken, Kalligrafie, Origami
und was weiß ich nicht noch alles konnte ich perfekt nach Vorlage duplizieren.
Toll! Aber ist das kreativ?

Und sagte ich schon, dass ich seit Kindertagen Jahr für
Jahr, Woche für Woche Instrumentalunterricht hatte? Blockflöte, Klavier,
Querflöte, Klarinette, Saxophon, dann wieder Klavier und später noch Gesang –
das muss doch zur Kreativität zählen, oder?

Das habe ich zumindest gedacht. Inzwischen weiß ich es
besser und das kam so: Ich war an einem gefühlten Tiefpunkt meiner
Tagebuchschreiberei angekommen. Mir fehlte darin etwas. Wenn ich durch die
Seiten blätterte, sah ich eine Tintenwüste. Zwar klebte ich fleißig Postkarten
und Erinnerungsstücke ein, verwendete auch mal Farben oder eine Zeit lang
Symbole, doch letztlich überwog der Eindruck von ausnahmslosem Text. Das gefiel
mir absolut nicht mehr. Also machte ich mich auf die Suche nach Anregungen und
fand ein wunderbares Büchlein von Dan Price mit dem Titel „How to make a
Journal of your Life“. Darin beschreibt der Autor, wie er ein Journal führt,
was dort alles hinein kommt und vor allem sieht man sein Journal in dem Buch.
Es wurde von ihm von Hand geschrieben und gezeichnet. Die Zeichnungen sind
meist nicht perfekt – wenn man den Maßstab der sichtbaren Wirklichkeit anlegt –
aber eindrucksvoll, persönlich und voller Charakter. Sie haben mich sofort
angesprochen. Es war, als hätte sich vor mir eine Tür ganz weit geöffnet, die
ich vorher nicht einmal gesehen habe. So wie diese Tapetentüren in den
Schlössern, die einem beim flüchtigen Blick verborgen bleiben. Nun stand sie
offen und ich trat staunend hindurch. Oder man kann es mit einem Kloster im
Mittelalter vergleichen: Für den Normalsterblichen war es verschlossen, außer
am Gründonnerstag. Dann durften Bauern hinein in die Klausur, bekamen die Füße
gewaschen, ein Stück Brot und eine Münze. Was müssen die ob der Pracht gestaunt
haben! Hohe Wände aus Stein, verputzt, Glasfenster und das Gefühl, geborgen zu
sein. Dieses Staunen spiegelt sich noch heute auf den Gesichtern der Besucher
unseres Klostermuseums. Doch ich schweife ab, Entschuldigung.

Am Ende des Buches bedankt sich Dan Price unter anderem bei
der Firma, die ihm die Stifte für sein Buch zur Verfügung gestellt hat und
weist auf deren Website hin. Da ich total materialverliebt bin und immer das
perfekte Werkzeug brauche, wenn ich etwas Neues anfange, musste ich auch diese
Stifte haben. Klar. Auf der Website fand ich Arbeitsproben von Dan Price und
anderen Künstlern mit diesen Stiften. Und dann öffnete sich die nächste Tür:
Ich entdeckte Bilder und Videos, auf denen Muster entstanden. Schnell wurde ich
aufmerksam auf Zentangle®. Und ehe ich es mich versah, saß ich nicht nur mit
meinen Stiften vor dem Tagebuch und malte, was das Zeug hielt, sondern
kritzelte auch dauernd Muster vor mich hin. Das Ergebnis seht ihr ja hier im
Blog. In den folgenden Monaten habe ich mich intensiv mit etlichen Büchern rund
um Kreativität befasst und viele neue Erfahrungen im künstlerischen Bereich
gemacht. Plötzlich ergeben auch andere Bücher, die ich irgendwann gelesen und
dann fast vergessen hatte, einen neuen Sinn. Seither wälze ich die Thematik in
Gedanken um und um. Darum schreibe ich dieses Jahr keinen Roman, sondern mal
die Gedanken auf, die mich wirklich beschäftigen.

Und das erwartet euch unter anderem in den nächsten Tagen
inhaltlich:

  • Meine Sicht der Welt in Worten. Die Ausgangssituation
  • Was ändert sich, wenn man das kreative Medium wechselt? Ein Erfahrungsbericht
  • Flow und Kreativität
  • Ich habe fertig – und das macht mich glücklich. Gefühle und Kreativität
  • Wenn Kreativität gefordert wird (1. Teil: Kreativität in der Schule am Beispiel des Kunstunterrichts)
  • Wenn Kreativität gefordert wird (2. Teil: Berufsleben und sogenannte Kreativitätstechniken)
  • Wir brauchen keine Anleitung, um kreativ zu sein! Ein Blick auf Kinder
  • Kreativität? Ein Punkt beim Buzz Word Bingo!
  • Ich träume also bin ich kreativ. Unwillkürliche Kreativität
  • Wer braucht schon Noten? Kreativität in der Musik
  • Wenn der Geschmackssinn kreativ wird: Kochen als Kunst
  • Unmögliche Gleichung: Bei geringer Anzahl der Elemente eine unendliche Vielfalt erreichen (Mode)
  • Wenn Kreativität zur Uniformität wird – moderne Architektur
  • „Das ist der Familienbenutzer.“ Was könnten wir sonst noch brauchen? Auf der Suche nach neuen Werkzeugen,
    Industriedesign und witzigen Gadgets.
  • Ich will meiner Einzigartigkeit Ausdruck verleihen. Kreativität in der Selbstdarstellung
  • Kreativität und Moral: Schwindeln, Übertreiben, Zeitungsenten
  • Zurück zum Journal – Was macht ein wirklich kreatives Leben aus?
  • Wer war oder ist der kreativste Mensch der Welt: Ein Ranking

Da ich „nebenher“ noch arbeiten muss und im November keinen
Urlaub habe, werde ich die Artikel hier meist erst am späten Nachmittag oder
Abend veröffentlichen. Vorher wird es kaum möglich sein, da ich hier – anders
als im normalen NaNoWriMo – korrigieren muss. Nur aufschreiben reicht diese Mal
eben nicht. Es soll ja lesbar werden und das gleich im ersten Anlauf. Daher
habe ich auch mein Wortziel herabgesetzt auf 1.000 Wörter pro Tag, statt 1.666
wie bei dem Entwurf eines Romans gefordert.

Das sollte als Einführung genügen. Es würde mich freuen,
wenn ihr morgen wieder lesen würdet. Für Anregungen rund um das Thema
Kreativität bin ich dankbar. Vielleicht fehlt ja noch etwas auf meiner Liste?

NaNoWriMo – Ankündigung

Der November steht vor der Tür und damit einer der aufregensten, stressigsten, aber auch spaßigsten Monate für Menschen, die gerne schreiben. Es soll sogar solche geben, die vorher noch gar nicht geschrieben haben und trotzdem teilnehmen, denen kann man nur eine gehörige Portion Abenteuerlust unterstellen.

Aber von Anfang an. Was macht den November so besonders? Es ist der ”National Novel Writing Month” (kurz NaNoWriMo), der Tausende Menschen weltweit bei dem Versuch vereint, in 30 Tagen einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Der Clou besteht darin, seinen inneren Kritiker auszuschalten und einfach zu schreiben, was einem in den Kopf kommt. Ja, es gibt viele Teilnehmer, die vorher umfangreich planen und sich damit sicherer fühlen, aber es geht eben auch ohne. Man kann sich am 31. Oktober oder sogar noch am 1. November spontan entscheiden und den Sprung ins kalte Wasser wagen und dennoch ebenso gute Aussichten auf Erfolg wie die vorsichtigen Vorausplaner.

In den letzten vier Jahren habe ich jeweils an diesem Projekt teilgenommen – zweimal mit Erfolg, zweimal ohne – und vor allem Spaß daran gehabt. Ganz wichtig ist nämlich, dass man nicht allein ist, sondern weiß, dass rund um den Erdball Gleichgesinnte sitzen. Und die sieht und hört man auch ständig im Internet! Sie sind im Forum, bei Twitter, bei Facebook, in Blogs und tatsächlich auch in realen Treffs präsent. Es ist einfach toll, dabei zu sein!

Für dieses Jahr habe ich lange mit mir gehadert, ob ich wohl erneut teilnehmen will/soll… Eigentlich steht das Schreiben in meinem Leben nicht mehr so weit oben auf der Prioritätenliste. Ich habe auch gar keine Lust, einen Roman zu schreiben. Aber ich möchte dennoch gerne dabei sein – Zwiespalt. Vor einigen Tagen habe ich dann entschieden, zur Rebellin zu werden. Rebellen sind bei NaNoWriMo die Menschen, die keinen Roman schreiben, sondern etwas Anderes, oder nicht neu schreiben, sondern überarbeiten, oder die einfach ein ganz anderes Ziel in diesen 30 Tagen erreichen wollen. So eine bin ich jetzt auch.

Ich werde statt eines Romans Essays hier im Blog verfassen. Jeweils mindestens 1.000 Wörter pro Tag. Dabei wird es um die verschiedenen Facetten der Kreativität gehen, darum, wie diese verschiedenen Formen der Kreativität unseren Alltag und die Wahrnehmung unserer Umwelt beeinflussen und alles, was mir sonst noch zu diesem Themenkomplex einfallen wird. Ich habe über dieses Thema so viel gelesen, das muss einfach irgendwo wieder raus, könnte man sagen. Und ich finde, dann ist NaNoWriMo der richtige Zeitpunkt und mein Blog der richtige Ort genau für diese Idee.

Bis dann, im November!

 

Statt des Freitags-Füllers

Diese Woche kann ich mit den unterbrochenen Sätzen des Freitags-Füllers nicht viel anfangen. Deshalb habe ich mich entschieden, mal wieder frei von der Leber weg zu bloggen. Es war nämlich eine ziemlich vollgestopfte Woche, die sich in sieben Sätzen nicht zusammenfassen lässt.

Im Büro erwarteten mich organisatorische und strukturelle Fragen, die in kleiner Runde zu besprechen waren. Derzeit stehen viele Abläufe auf dem Prüfstand, werden durch die Retestierung nach LQW überdacht und vom neuen Geschäftsführer kritisch hinterfragt. Dabei sind es die inneren Abläufe und menschlichen Eigenheiten, die uns schon mal im Wege stehen. Dennoch verbreitet sich zumindest in der Büroetage langsam ein Gefühl dafür, dass es besser wird, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass wir endlich gewissen Barrieren durchbrechen könnten. Ein zartes Pflänzchen von Optimismus keimt und wird derzeit gehegt und gepflegt.

Dann lag noch ein Geburtstag im Haus an, den wir gestern schön gefeiert haben, was eben auch Arbeit im Vorfeld und in der Nachbereitung macht. Irgendwer muss den Kuchen ja backen, der gegessen werden soll! Und natürlich ist hinterher aufzuräumen und abzuwaschen usw. Das habe ich aber schon fast komplett erledigt.

Die Kreativität kam dabei die ganze Woche viel zu kurz. Weder konnte ich ein ganzes Kritzelwerk erstellen (die Wochenaufgabe erweist sich als widerspenstig), noch habe ich geschrieben (das hole ich morgen beim virtuellen Schreibtag nach). Und viel gelesen habe ich auch nicht… Schade!

Positiv für mich waren die Rückmeldungen auf meinen Zeitungsbericht, der überall gut angekommen ist. Es ist nicht sehr häufig, dass ich für meine Berichte extra angerufen werde. In diesem Fall war das so. Historie liegt mir eben.

Die Pläne fürs Wochenende stehen also fest: Morgen einkaufen, schreiben, Klosterführung, schreiben, schreiben, schreiben. Und Sonntag? Das kommt noch darauf an, ob wir Besuch bekommen. Ich warte es ab.

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