Wo bleibt die Kreativität?

Der eine oder andere mag sich in den letzten Tagen gefragt haben, wie es mit meinem Projekt zur Kreativität aussieht und ob es da noch eine Fortsetzung geben wird. Ja, wird es. Ich sitze derzeit an einem Artikel zum Thema Wahrheit und Kreativität – ungeahnt aktuell nach dem Comeback-Versuch von Karl Theodor. Auch die weiteren angekündigten Themen werden noch veröffentlicht, allerdings in loser Folge. Ich denke, dass mich dieses Projekt noch den ganzen restlichen Dezember mit beschäftigen wird.

Unwillkürliche Kreativität

Unwillkürliche Kreativität? Was soll das denn sein?

Unwillkürlich heißt, dass wir ganz ohne unser Zutun kreativ sein können. Bestes Beispiel dafür sind Träume. Selbst wer von sich behauptet nicht zu träumen, hat es schon erlebt, dass er oder sie erwacht ist und eine dunkle Ahnung hatte von etwas völlig Absurdem. Wer hingegen häufiger träumt – das heißt sich häufiger an seine Träume erinnern kann – weiß, dass das Absurde zum Träumen einfach dazugehört. Im Traum verknüpfen wir besonders emotionale Erlebnisse mit alltäglichen Szenen und wirren Splittern von Ideen und Gehörtem. Wenn wir gerade viele Krimis lesen, kann es auch im Traum spannend werden. Bei exzessivem Science-Fiction-Genuss träumt in anderen Galaxien, Paralleluniversen und aberwitzigen Aliengesellschaften. Kinder träumen in Märchenform mit bösen Hexen und hilfreichem Getier, kurz jeder kriegt, was er im Wachzustand sucht. Nur in etwas anderer Form und daher manchmal beängstigend.

Oft werden Personen aus völlig unterschiedlichen Bereichen und in verschiedenen Zeitstufen miteinander in Zusammenhang gestellt, manchmal wird aus einer Person plötzlich eine andere oder man war gerade noch allein und dann ist jemand bei einem. Verwirrend!

Was machen wir daraus?

Viel zu wenig… Meistens werden Träume nach dem Aufwachen einfach weggewischt als nächtlicher Blödsinn. Kein Wunder, dass das Gehirn es aufgibt, uns die wichtigen Botschaften zu überbringen. Wenn mir keiner zuhört, helfe ich auch mit keinem Ratschlag mehr. Soll er doch selbst sehen, wie er zurecht kommt! So kann man es deuten, dass sich viele Menschen nicht an ihre Träume erinnern. Gut, es gibt sicher auch weniger bedeutende Träume. Aber die Träume, die einen über längere Zeit nicht loslassen, die man beim Aufwachen nicht abschütteln kann, die man wieder und wieder weiter denkt, auf die man Antworten sucht, bei denen man überlegt, wer das da im Traum gewesen ist… Die sind nicht belanglos. Die geben Antworten auf Fragen, selbst wenn wir die Frage bewusst noch gar nicht gestellt haben.

Viele Kulturen beschäftigen sich mit den Träumen und sehen in ihnen Botschaften aus einer anderen Welt. Auch in der christlichen Religion spielen Visionen und Träume eine große Rolle. Sie waren anerkannt und geachtet. Die Indianer Nordamerikas erbitten Träume, die Indianer Mittelamerikas versuchen ebenso wie die Schamanen in den Weiten Asiens mit Hilfsmitteln Träume und Visionen zu erreichen, andere Völker in anderen Erdteilen haben dafür ebenfalls Rituale geschaffen. Erst in unserer modernen Welt haben die Botschaften ihre Wichtigkeit verloren. C.G. Jung beschäftigte sich auf einer sehr abgehobenen Ebene mit den Traumbildern. Er sah wiederkehrende Archetypen, die allen gemeinsam sind. Sigmund Freud vermutete überall sexuelle Anspielungen und Fantasien. Traumdeutung hat heute einen eher negativen Beigeschmack. In Lexika kann man die Symbole nachschlagen und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen, was man da wohl gesehen haben könnte. Dabei geht es viel einfacher.

Wir können mit einem Traum in Dialog treten. Die Antworten auf unsere Fragen können wir nur selbst finden.

Nehmen wir an, in unserem Traum stehen wir vor einem Problem. Wir müssen einen Weg von A nach B finden. Das ist mühsam und geht nur langsam voran. Welches Problem könnte das sein? Mit welcher Frage quälen wir uns gerade herum? Die Antwort ist irgendwo in uns drin. Also müssen wir als erstes herausfinden: Worum ging es in dem Traum wirklich? Welche Frage wurde symbolisch dargestellt?

Vielleicht tritt eine andere Person an unsere Seite. Sie ist nur da, wir sind uns ihrer Anwesenheit vage bewusst, sprechen aber nicht mit ihr, sondern gehen einfach gemeinsam durch diesen Traum – oder ein Stückchen davon. Wer ist diese Person? Wofür steht sie? Das kann nur der Träumer selbst entschlüsseln, denn wir haben von Personen eine bestimmte Vorstellung in uns abgespeichert. Ist derjenige in unseren Augen besonders mutig und stark oder sehr bedachtsam und analytisch? Das ist schon mal ein wichtiger Hinweis. Dann ist die Frage, ob wir uns durch diese Person unterstützt fühlen oder eher behindert. Hilft es in dem konkreten Problem also, wenn wir mutig und stark sind? Müssen wir vielleicht eine schwierige Entscheidung treffen oder einfach einen mutigen ersten Schritt tun? Ihr wisst, worauf ich hinaus will, ohne dass ich jetzt einen fiktiven Traum basteln und exemplarisch aufdröseln muss. Ich will euch nur ein Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung zur Veranschaulichung nennen: Wenn eine bestimmte Person in meinen Träumen auftaucht, dann weiß ich, dass ich in den nächsten Tagen sehr genau auf meine Entscheidungen achten sollte, denn diese Person steht für Wegkreuzungen. Wenn sie auftaucht weiß ich, dass sich mir mindestens zwei verschiedene Möglichkeiten eröffnen, aus denen ich auswählen kann. Ebenso können Orte, die einem vertraut sind, zu einem Schlüssel werden.

Vergleichbar ist das Lesen der Träume mit dem Lesen von Orakeln. Ob Tarotkarten, I Ging oder andere Bildsysteme, gezeigt werden Situationen, die allgemein menschlich sind und nur durch das Hineinhorchen in uns selbst einen Zusammenhang und eine Aussage geben. Sogar selbst gemalte Bilder können auf diese Weise zu uns sprechen.

Es kostet allerdings etwas Zeit und Mühe, um in dieses selbstgeschaffene Symbollabyrinth einzutreten und sich darin zurecht zu finden. Träume sollte man aufschreiben. Wann immer einem ein Bruchstück einfällt, notiert man es am besten sofort. Selbst wenn wir nicht den ganzen Traum zusammen bekommen, können wir uns so langsam annähern. Farben, Formen, Personen, Orte und welches Gefühl man dabei hatte… Auch vage Assoziationen sind wichtig: Ich fühlte mich wie in der Schule, aber da war keine Schule. Nicht sehr aussagefähig? Besser als nichts. Möglicherweise wird es später noch deutlicher. Manche Träume sind so dicht, dass man ganz viel notieren kann, manche werden kaum greifbar sein. Aber allein die Beschäftigung sorgt dafür, dass wir vermehrt träumen, dass wir uns immer besser erinnern können. Und dann kommen die Momente, wo sich ganze Situationen aus dem Traum plötzlich erschließen, wo wir Einblick bekommen. Diese dann festzuhalten – möglichst schriftlich -  bildet langsam eine Basis für ein ganz individuelles Traumlexikon.

Unser Gehirn beweist beim Träumen eine erstaunliche Kreativität. Es kombiniert Ereignisse und Aussichten zu Bildern, die uns weniger über die Logik, als vielmehr über das Gefühl erreichen können. Das Gehirn spricht eben in Bildern. Es ist unsere Aufgabe, sie lesen zu lernen, wenn wir die Botschaften annehmen wollen. Und alle bisher aufgeführten Aspekte der Kreativität sind in Träumen enthalten: Versenkung, neue Kombinationen, die zu neuen Ergebnissen führen, der Wunsch, etwas zu erschaffen.

Zur unwillkürlichen Kreativität können im Kleinen außerdem geistesabwesende Kritzeleien gezählt werden. Egal, ob beim Telefonieren oder bei der Besprechung, ob in der Schule oder Uni, man malt einfach gedankenlos vor sich hin. Es beschäftigen sich schon Psychologen damit, was man für ein Typ Mensch ist, wenn man eher Karos als Blümchen malt. Kein Witz! So abgedruckt bereits 2008 im PM-Magazin.

 

 

Wenn Kreativität gefordert wird – Teil 2

Wenn Kreativität gefordert wird (2. Teil: Berufsleben und sogenannte Kreativitätstechniken)

Wie in der Schule, so im Berufsleben. Es heißt ja immer: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Und so setzt sich im Beruf nahtlos fort, was wir alle aus dem Unterricht kennen. Kreativität wird eben nicht gelehrt, sondern gefordert. Übrigens ist es mit dem Lernen ähnlich. Schüler sollen den Stoff (z.B. Vokabeln) lernen, aber es wird nur wenig Energie darauf verwendet, ihnen zu erklären, wie das Lernen überhaupt funktioniert. Und da  ist es auch nur eine minimale Verbesserung, dass Vokabeln nicht mehr ins Heft geschrieben, sondern in Karteikästen gesammelt werden. Das ist nämlich ebenso undifferenziert. Jeder Mensch lernt anders, darauf wies Frederic Vester schon in seinem Standardwerk „Denken, Lernen, Vergessen“ hin. Es lohnt sich, dieses schmale Büchlein mal wieder aus dem Regel zu nehmen!

Im Berufsleben sind zunehmend „kreative“ Lösungen gefragt. Egal, ob man in einer Werbeagentur arbeitet oder in einem fertigenden Betrieb oder in der Kinderbetreuung, neue Ideen sind gefragt. Und wo bekommt man die her? Richtig: Man veranstaltet ein Meeting (also eine Besprechung) und dort steht ein Brainstorming auf der Tagesordnung. Brainstorming ist eine Form der unzensierten Suche nach Ideen und Assoziationen. Das kann im Grunde jeder, auch ohne dass dafür eine lange Ausbildung nötig wäre. Was allerdings unabdingbar ist, ist das Gefühl, dass man alles sagen kann, ohne später Häme von den Kollegen zu ernten oder vom Chef blöd angesehen zu werden. Und da bekommt die gute Methode des Brainstormings einen gehörigen Knacks, an dem sie oft scheitert. Eigentlich soll man ja alles sagen oder aufschreiben, was einem einfällt und später, in einem zweiten Schritt, wird gesiebt und geguckt, welche Goldnuggets sich im Gedankenschlamm verborgen haben. Wer allerdings befürchtet, dass er für seine Ideen verspottet wird, der schaltet doch wieder den inneren Zensor ein.

„Ist es klug, wenn ich das jetzt sage? Kann man mir daraus später einen Strick drehen? Werde ich dann als Freak abgestempelt?“

Solche Gedanken sind natürlich alles andere als hilfreich. Und dann präsentieren die immer gleichen Leute die immer gleichen Ideen bei diesen unerträglichen Runden. Wer sich gerne präsentiert, fühlt sich wohl, die anderen werden immer kleiner und hoffen, unsichtbar zu werden, damit nicht auffällt, wenn sie nichts beizutragen wissen. Bücher wie „30 Minuten für Kreativitätstechniken“ versprechen, dass man nach dem Lesen des Textes – das nur 30 Minuten beanspruchen soll – sofort auf unendlich viele neue Ideen zurückgreifen kann und sein eigenes Unternehmen damit weit nach vorne bringt.

Kann das funktionieren? Ist das überhaupt seriös?

Nein, natürlich nicht. Denn im Kleingedruckten steht dann wieder, dass man üben muss, sich die Techniken erst im Laufe der Zeit einschleifen und dann die gewünschten Ergebnisse erzielen. Gucken wir nun genauer auf die verschiedenen Techniken, dann stellen wir fest, dass ein entscheidender Punkt allen gemeinsam ist: Man muss frei von Kritik Ideen sammeln, Assoziationen fließen lassen, notieren (in verschiedenen Formen wie MindMaps, Listen, Tabellen usw.) und erst später bewerten und entscheiden, welche brauchbar sind und daher weiter verfolgt werden sollen. Kommt uns das bekannt vor? Ja. Man denke nur an den National Novel Writing Month. Dort lautet die oberste Regel: Schreiben! Egal was, egal ob es blöd ist, egal ob es logisch ist, erstmal schreiben. Korrigieren, überarbeiten und umschreiben können wir das noch im Dezember. Schickt den inneren Kritiker in Urlaub oder auf einen Kongress oder in die Wüste. Hauptsache er pfuscht euch nicht dazwischen! Man soll nicht einmal das zuletzt Geschriebene lesen, um nicht in Versuchung zu kommen, etwas zu verändern.

Und genau das ist das Grundprinzip auch der Kreativitätstechniken.

Die verschiedenen Formen mögen inspirierend sein oder Abwechslung suggerieren, doch der zentrale Vorgang ist immer gleich. Und das ist gleichermaßen Segen wie Fluch. Segen, weil man eigentlich gar nicht viel benötigt, um an neue Ideen zu kommen, wenn man das einmal beherrscht, Fluch weil man nur einen Weg hat und den vielleicht nicht geöffnet bekommt, weil der innere Kritiker breit grinsend davor steht und uns nicht hindurch lässt – so wie der Türsteher an der Disco: „Du kommst hier net rein.“ Kreativitätstechniken hin oder her, wenn man das nicht geregelt kriegt, hilft auch keine neue Technik. Und dabei stehen wir doch als Arbeitnehmer ständig unter Druck, neue Ideen wie vom Fließband auszuspucken. Wir stellen fest, dass das nur möglich ist, wenn die Vertrauensbasis stimmt. Wer aus der Besprechung geht und das Gefühl hat, der letzte Depp zu sein (und ich meine nicht den Johnny), dann wächst der Kritiker gleich wieder ein Stückchen.

Da die Anforderungen jedoch immer gleich sind und man als Arbeitnehmer ja mal die Ohren aufsperren kann, um zu hören, was durch den Buschfunk trommelt, kann man das Brainstorming ja einfach mal für sich klammheimlich vorweg nehmen. Setzt man sich allein hin, kommt man auf weniger Ideen als gemeinsam (bei bestehendem Vertrauensverhältnis, versteht sich), aber man ist auch nicht mehr der Trottel, dem nichts einfällt. Vor der Besprechung, vielleicht sogar am Abend zuvor zuhause, in angenehmer Umgebung, lässt man sich das Problem durch den Kopf gehen und sammelt seine Gedanken dazu. Anschließend wählt man einige aus, die man für geeignet hält und behält sie für die Besprechung im Hinterkopf. Wenn alle sich äußern streut man seine Ideen ein. Mit der Zeit wird man mutiger und kann die eigenen Ideen in der Besprechung noch anpassen, erweitern oder auf Ideen anderer reagieren.

Darüber hinaus gibt es aber auch Kreativitätstechniken, die man nur in einer Gruppe ausführen kann, weil die Ideen von Teilnehmer zu Teilnehmer weitergeführt werden. Eine prekäre Situation, wenn man das Gefühl hat, nichts beitragen zu können. Doch glücklicherweise werden solche Techniken meist nur in kleinen, eingeschworenen Teams angewendet, denen die Regeln vertraut sind. Wenn man selbst schon mal unter dem Druck gestanden hat, etwas Kreatives abzuliefern, dann sollte man sich gleich jetzt und hier mal an die Nasenspitze fassen und sich fragen: Wann habe ich das letzte Mal jemandem eine ähnlich höllische Situation beschert, indem ich ihm oder ihr zu verstehen gegeben habe, dass die gerade geäußerte Idee dumm war? Da werden wir ganz schnell vom Opfer zum Täter, wenn wir nicht aufpassen. Die Spielregeln sollten für alle klar sein und gelten – auch für den Chef: Es darf alles gesagt werden, keine Idee wird sofort abgelehnt (auch nicht weil sie dumm, unrealistisch, zu teuer oder umständlich wäre) und alle haben gleiches Mitspracherecht bei der Sammlung und späteren (!) Bewertung der Vorschläge. Dass es dann oft einen Chef gibt, der die Entscheidung trifft, ist klar. Hauptsache, die Sache bewegt sich voran. Hauptsache, es gibt verwertbare Ideen, die das Problem lösen.

Selbst beim Malen lässt sich dieser Zweischritt – erst Ideen sammeln, dann bewerten und auswählen – umsetzen. In unserem Kritzelforum sind einige von uns dazu übergegangen, ihre Bilder nach bestimmten Abschnitten der Zeichnung (man fühlt das irgendwie, wenn ein Meilenstein erreicht ist) zu scannen. So hat man sozusagen eine Sicherungskopie. Wenn man an irgendeinem Punkt falsch abbiegt und das Gefühl hat „Jetzt habe ich es versaut!“ geht man einen Schritt zurück und versucht es ein zweites Mal. So entstehen Bilder mit und ohne Schatten, mit und ohne Farbe, mit mehr oder weniger Mustern und zusätzlichen Elementen. Und das schöne daran ist: Man kann dabei viel lernen. Nicht nur, welche Technik nun das bessere Ergebnis bringt, sondern auch sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen und die Kritik außen vor zu lassen. Das fällt dann in anderen Situationen ebenfalls leichter.

Übrigens gibt es das Wort „Kreativitätstechniken“ noch aus einem viel schöneren Zusammenhang. Das ist ein Oberbegriff für alle künstlerischen Techniken: Aquarell, Ton, Speckstein, Decopatch, Encaustic und was es da mehr gibt. Dann beschreibt der Begriff also die Technik, mit der man sich kreativ austoben möchte. Im Handel gibt es die nach Technik aufgereihten Sortimente.

 

 

Kreativität und Emotionen

Gestern ging es um einen ganz besonderen Bewusstseinszustand während und nach der Ausübung von Kreativität, der den Künstler mit Glücksgefühlen überschüttet. Heute geht es noch einmal um Gefühle – und zwar dieses Mal nicht nur um die Gefühle, die der Künstler selbst hat, sondern ebenso um die Gefühle, die in einem Werk transportiert werden und um die Gefühle der Adressaten.

Beginnen wir beim Ausgangspunkt, bei den Emotionen, die der Künstler hat. Niemand ist völlig emotionslos, es sei denn er ist Vulkanier oder Borg, aber diesen Sonderfall schließen wir einfach mal aus, da er höchst unwahrscheinlich ist. Also hat jemand, der kreativ tätig ist, vor, während und nach der künstlerischen Tätigkeit Emotionen. Diese fließen in sein Werk ein. Besonders deutlich sieht man das, wenn jemand unwillkürlich tätig ist. Zum Beispiel können wir neben einem Telefonat oder in einer Univorlesung vor uns hin kritzeln und stellen dann plötzlich fest, dass wir lauter Blümchen oder lachende Smileys oder eben auch düstere Kreuze gemalt haben. Da waren unsere Gefühle am Werk (interessante Redewendung, oder?). In ihrem Blog http://zendoodle-wege.blogspot.com/ hat Phine häufiger kleine Bilder, mit denen sie sich zen-triert, wo also all die aktuellen Geschehnisse einfließen, einen Kanal finden und später von ihr analysiert werden. Was passiert da gerade in mir? Was kommt da hoch? Bei den Bildern im Kritzelforum sehen wir das auch: Wenn jemand gerade den Kopf sehr voll hat, wird auch das Bild sehr voll, wirr und irgendwie durcheinander. Wir projizieren also unsere Gefühlswelt auf das Medium und geben ihm damit eine Form.

An den kreativen Prozess schließt sich gleich das nächste Gefühl an: Freude!

Kennt ihr das? Wenn man ein Werk vollendet hat – egal, was es ist: Socken stricken, ein Bild malen, einen Roman schreiben, einen Song komponieren, ein Wand neu gestalten, ein leckeres Essen auf den Tisch bringen – ist man glücklich. So aus ganzem Herzen und egal, wie es einem vorher gegangen ist. Da haben wir wieder ein Stückchen vom Flow. Das sei aber nur am Rande erwähnt. Dinge, die man mehrfach hört, prägen sich einfach besser ein. Mit diesem Gefühl der Freude geht es uns gut und folglich sind wir viel ausgeglichener und besser in der Lage, mit unserer Umwelt pfleglich und liebevoll umzugehen. Es ist also für den häuslichen Frieden, das Klima am Arbeitsplatz usw. durchaus förderlich, wenn wir kreativ sind. Ob den Arbeitgebern das eigentlich klar ist? Ich meine ja nur…

Gucken wir jetzt auf das Bild, hören den Song oder lesen den Roman, so können wir manchmal sogar im Werk feststellen, dass sich die Stimmung mitten drin geändert hat. Wir sehen/hören/fühlen vielleicht erst düstere Elemente, bevor dann das Glück überhand nimmt. Nun entsteht kaum ein Werk in einem Durchgang und wir erleben meist keine Rohfassung, sondern eine überarbeitete Version, in der die Brüche oft absichtlich geglättet und poliert wurden, aber ein Hauch der Emotionslage bleibt erhalten. Je besser ich den Autor, Maler, Komponisten kenne, desto besser kann ich seine Befindlichkeit spüren. Je nach Gemütslage würzt man sogar ein Essen, das man viele Male gekocht hat, ander. Es gehört für Künstler viel Mut und Selbstbewusstsein dazu, seine Werke so roh zu präsentieren und sich selbst damit derart zu offenbaren. In dieser Phase ist ein Künstler daher besonders leicht zu treffen. Das sollte man wissen, falls man mal um seine Meinung zu einem nicht ganz fertigen Kunstwerk gebeten wird. Im Alltag und mit der kreativen Freizeitgestaltung ist es etwas moderater. Aber bitte nicht nach einem langen Arbeitstag am Essen herummäkeln!

Fehlt aber noch die dritte Gefühlsebene bei einem Kunstwerk: Die Gefühle des Adressaten.

Adressat, was ist das? Ich könnte auch Rezipient sagen, aber das hilft uns nicht weiter. Kunst besteht zwar oft ganz einfach als Selbstzweck: Es macht mir Spaß zu malen, also mache ich es, egal, wem es gefällt oder missfällt. Gewöhnlich aber hat Kunst von professionellen Künstlern einen Adressaten. Jemanden, der den Roman lesen, der das Bild betrachten, der die Socken anziehen soll, der die Musik-CD kaufen und hören soll. Jeder Künstler macht sich über dieses schemenhafte Gegenüber Gedanken, das beginnt schon bei Hobbykünstlern. Wer behauptet, es nicht zu tun, lügt entweder sich selbst oder alle anderen an. Ich zum Beispiel mache mir große Gedanken darüber, ob dem Leser dieser Text gefällt. Ist er gut zu lesen? Bringt er etwas Neues? Oder empfindet der Leser ihn als Zeitverschwendung und wendet sich ab?

Und jetzt kann man sich fragen, welche Gefühle möchte ich denn bei diesem Gegenüber wecken? Was möchte ich vermitteln?

Ob das dann zutrifft ist eine ganz andere Frage, aber der Künstler bezweckt etwas. Bestes Beispiel: Eine Pietà. Der Schmerz soll sich uns als Betrachtern vermitteln. Stillleben wollen einen eher kognitiven Inhalt übermitteln, oft geht es um Vergänglichkeit, dargestellt in Totenköpfen, Sanduhren und verdorrtem Obst. Aber das funktioniert ebenfall mehr über Gefühle – denn was fühlen wir, wenn wir einen Totenkopf sehen? Er erinnert uns nicht nur auf der logischen Ebene, sondern auch emotional an den Tod, das Sterben, das Vergehen. Freude vermittelt sich ebenso unmittelbar. Man denke nur an fröhlich summende Menschen, die ein Konzert verlassen. Die angeregten Gespräche nach einem Kinobesuch sind ebenfalls ein gutes Zeichen dafür, dass man das Erlebte verarbeiten muss, dass man seine Gefühle irgendwie mitteilen und ausdrücken will.

Oftmals sind die hervorgerufenen Emotionen gewollt, beabsichtigt, geplant vom Künstler. In Romanen fällt das selbst unaufmerksamen Lesern auf. Wer von euch weint beim Lesen? Wer bei Filmen? Und wer hat sich schon mal so richtig über ein „Kunstwerk“ aufgeregt, das aussah, als sei es aus Dreck zusammengefegt? Alles Mache! Ihr werdet manipuliert. Ein Autor klopft seinen Roman ganz genau ab: Ist die Hauptfigur sympathisch? Bangen wir mit ihr mit? Das tun wir nur, wenn sie ab und an Schwäche zeigt. Helden sind eher nicht so interessant. Menschen haben Macken und wir können uns nur dann identifizieren und mitleiden, wenn die Figur, über die wir lesen oder die da über die Leinwand rennt, auch Macken hat. Wenn schon Superheld, dann wenigstens einer, der bei Kryptonit seine Kräfte verliert, oder der so selbstgefällig ist, dass er fast alle Freunde und die Liebe verliert (wie Iron Man). Ohne Schwächen, keine Zuschauergunst, so einfach ist das im Film und im Buch. Wir sehnen ein Happy End herbei und zerfließen in Tränen, wenn es soweit ist. Voller Bedauern schließen wir das Buch oder reißen uns vom Abspann los, denn so hätte es doch ewig weitergehen können, oder? Hätte es nicht – noch so eine Regel in Sachen Emotionen: Beim Happy End wird abgeblend’. Danach kommt nämlich Alltag, den keiner sehen will – oder eine Fortsetzung, die eigens vermarktet wird und wieder nach den gleichen Regeln konstruiert ist. Bud Spencer hat über seine Filme mit Terence Hill gesagt, sie haben gemeinsam 17 Mal den gleichen Film gedreht. Stimmt im Grunde, denn letztlich passiert immer das gleiche. Na und? Wenn die Story funktioniert und die Leute das sehen wollen. Da hat dann eben jemand ganz genau auf die Adressaten geguckt. Das ist dann nicht mehr kreativ und schon gar keine Kunst, aber zumindest unterhaltsam.

Halten wir fest: Kreativität setzt Emotionen bei allen Beteiligten frei.

Die besten Emotionen sind Flow während und nach der Tätigkeit beim Ausübenden, das Glücksgefühl, wenn ein Werk abgeschlossen ist, und das Mitfühlen der Adressaten.

Es gibt aber auch negative Gefühle: Dass zwischendurch manchmal Frust auftaucht, wenn etwas nicht so gelingt, wie man es sich vorgestellt hat, will ich nicht verschweigen. Dass wir oft zu kritisch mit uns sind und was das bewirken kann, habe ich gestern schon ausgeführt. Wie oft lese ich jetzt im Forum des National Novel Writing Month oder bei Twitter von den Teilnehmern des NaNoWriMo Aussagen wie „ich hasse meinen Protagonisten“, „ich hasse meine Geschichte“ oder „ich hasse, wie ich schreibe“. Glücklicherweise verschwindet dieser Hass spätestens nach 50.000 Wörtern am Ende des Novembers. Dann übernimmt nämlich wieder das Glücksgefühl, es geschafft zu haben.

Zielerreichung ist eben selbst bei so wenig messbaren Dingen wie Kreativität ein wichtiger Aspekt. Dazu komme ich noch, wenn es darum geht, dass Kreativität von uns verlangt wird, sei es in der Schule oder im Beruf.

Kreativität – und Flow

Schon komisch, dass ich ausgerechnet heute richtig unter Prokrastination oder Aufschieberitis gelitten habe. Dabei geht es doch heute um ein wunderbares Unterthema der Kreativität: Flow! Das muss man mit richtig viel Timbre in der Stimme lesen und erfurchtsvoll genießen, denn Flow ist etwas ganz Besonderes. Ihr wisst nicht, was ich meine? Also dann will ich es euch erläutern. Der mittlerweile emeritierte Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi gilt als Entdecker dieses Zustands. Sein Buch „Flow. Das Geheimnis des Glücks“ war ein echter Bestseller. Es liest sich nicht wirklich gut, das sei an dieser Stelle mal angemerkt, aber darum geht es ja gar nicht.

Was ist Flow?

Flow ist ein Bewusstseinszustand, in dem man völlig aufgeht (ohne Drogen genommen zu haben), es ist als wäre man außerhalb der Zeit, entrückt und dabei sehr aktiv. Man kann Flow beim Sport erleben, im Wettkampf, im Spiel, in der Kunst – immer dann, wenn man sich ganz auf etwas konzentriert, dabei die Zeit vergisst und regelrechte Glückseligkeit erfährt. Hinterher ist es, als würde man aus einem Traum erwachen, man guckt auf die Uhr und ist erstaunt, wie viel Zeit vergangen ist, aber es tut einem kein bisschen leid.

Mir persönlich geht es auch so bei richtig guten Büchern, bei den Schmökern, die einen gar nicht mehr loslassen, die man nicht weglegen kann, weil man unbedingt wissen muss, wie die Geschichte weitergeht. Im Englischen nennt man das „Pageturner“, also ein Buch, bei dem man fast zwanghaft Seite um Seite liest und umblättert.

Laut Mihaly Czikszentmihalyi (den ich ab jetzt mit M. C. abkürze) ist die Fähigkeit dazu, Flow zu erleben, nicht bei jedem gleich intensiv ausgeprägt, aber man kann sie trainieren und verstärken. Also bitte nicht verzweifeln, wenn ihr den Zustand noch nicht kennen gelernt haben solltet, das kann noch werden! Einige Menschen erreichen das sogar bei der Arbeit… Nun ja, das ist mir bisher eher dann passiert, wenn ich stupide Arbeit hatte und der Kopf frei eigenen Ideen nachgehen konnte. Dann hatte die Glückseligkeit aber wenig mit der Arbeit selbst zu tun. M. C. sagt, dass Flow dann entsteht, wenn Anforderung und eigenes Können ausgewogen sind. Ist eine Tätigkeit nicht anspruchsvoll genug, langweilen wir uns. Überfordert sie uns, macht sich Frustration breit. Die Balance zwischen beidem ist also der Schlüssel.

Und diesen Schlüssel stecken wir jetzt in das Schloss mit dem Namen „Kreativität“ und gucken, was dann passiert…

Wenn man etwas Künstlerisches tut – egal was und in welchem Medium und mit welchem Rohmaterial – dann hat man im Freizeitbereich erstmal keine von außen gestellten Anforderungen. Wir selbst definieren, was wir erreichen wollen, und messen daran unser Ergebnis. Meistens sind unsere Erwartungen zu hoch, sodass einige nach wenigen Versuchen bereits aufgeben und sich für talentfrei halten. Das ist schade. Sich an einem großen Vorbild zu orientieren, mag manchmal motivierend sein, aber in der Regel schadet es nur, wenn man auf das Ergebnis schielt. Ich kann eben nicht mit einem ersten Ölbild eine „Mona Lisa“ schaffen. Selbst Leonardo hat viele Jahre an diesem Meisterwerk herumgemäkelt und immer wieder verändert. Was bilden wir uns also ein, dass wir bei gelegentlichen Versuchen erreichen können? Wir überfordern uns selbst und verhindern so den Flow.

Ich telefoniere täglich mit meinen Eltern und dabei erzählt mir meine Mutter mitunter von ihren Skizzen und Aquarellbildern. Neulich war sie wieder total unzufrieden. Sie hatte eine Vorlage aus einem Buch kopiert – also freihändig versteht sich – und nun coloriert. Da sie die eine Farbe nicht getroffen hatte, war sie völlig enttäuscht und ein bisschen entmutigt. Erstmal habe ich ihr berichtet, dass wir im Kritzelforum auch immer rummosern, weil die Farben in der elektronischen Adaption, sei es mit dem Scanner oder dem Fotoapparat, nie so richtig wiedergegeben werden und daher das Bild verfälscht wird. Daher gehe ich mal davon aus, dass die Farben im Buch gar nicht dem Originalbild entsprechen. Wie sollte also meine Mutter ihr Bild farblich genau anpassen können? Am folgenden Tag hatte sie sich mit dem Bild dann ausgesöhnt, denn jetzt hatte sie es erstmals ohne die Vorlage betrachtet. Das heißt, dass sie sich erst von der Erwartung lösen musste, eine originalgetreue Kopie zu erstellen, um ihr eigenes Werk zu schätzen und damit glücklich zu werden.

Ich kenne das auch von mir selbst, dass ich erst Abstand zu einem Bild oder einem Text brauche, um voll zufrieden zu sein. Das heute hier veröffentlichte Bild zum „Wöchentlichen Kritzelspaß“ ist dafür ein gutes Beispiel. Ich finde es irgendwie zu kahl, sehe selbst nichts in den Mustern und bin distanziert. Die Mitstreiterinnen im Forum haben hingegen sofort eine Harfe erkannt und mochten das Bild. Tja, da war ich vielleicht zu kritisch mit mir. Unabhängig von dem Beispiel hat die anschließende Unzufriedenheit aber nur in zweiter Linie mit dem Flow zu tun. Während des Kritzelns, Zeichnens, Schreibens, Sport Treibens usw. können wir nämlich unabhängig vom Ergebnis durchaus ganz tief in unser Tun versunken sein, also Flow erleben.

ABER: Durch unsere anschließende Kritik und Unzufriedenheit, verderben wir die Langzeitwirkung.

Diese besteht darin, dass wir das eben erlebte, gute Gefühl möglichst ganz schnell wieder haben wollen. Dazu würden wir normalerweise die Tätigkeit wieder aufnehmen, die uns so gut getan hat. Kritisieren wir aber daran herum, vergeht diese Sehnsucht nach Wiederholung vorübergehend und wir müssen uns zwingen, uns erneut daran zu setzen.

Den umgekehrten Ablauf gibt es übrigens beim Sport. Wenn wir uns während der sportlichen Betätigung zu stark fordern, ist sie nicht angenehm. Selbst wenn wir dann im Anschluss ein Hochgefühl haben, weil wir den inneren Schweinehund überwunden haben und der Körper sich herrlich entspannt anfühlt, ist die Hürde für die Wiederholung sehr hoch. Kommt dann noch Muskelkater dazu, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es beim einen Mal bleibt.

Wir halten fest: Etwas, dass uns weder überfordert, noch langweilt ist geeignet uns in den Zustand des Flow zu versetzen. Das fühlt sich ausgesprochen gut an, sodass wir das Erlebnis wiederholen wollen. Stehen wir uns selbst mit Kritik im Weg oder überfordern wir uns, verspielen wir das gute Gefühl und damit die Chance auf baldige Wiederholung. Und an dieser Stelle gibt es dann noch einen entscheidenden Pferdefuß, wie Geoff Colvin herausgefunden hat.

In seinem Buch „Talent wird überschätzt“ setzt er sich mit den sogenannten „Wunderkindern“ und Überfliegern auseinander. Wir neigen dazu, besondere Begabungen und Talente zu vermuten, wenn jemand eine überdurchschnittliche Leistung erzielt – Mozart, Tiger Woods, Bill Gates, Albert Einstein, Pablo Picasso aber auch Rockefeller. Wir trösten uns gerne ein bisschen und kaschieren unsere eigenen Misserfolge damit, dass wir das „Genie“ herbeizitieren und damit ausdrücken: Mit dem kann man sich als Normalsterblicher ja sowieso gar nicht messen. Aber stimmt das wirklich? Geoff Colvin sagt nein. Anhand von biografischen Daten konnte er eindeutig belegen, dass diese Wunderkinder einfach sehr viel geübt haben, dass sie früh angefangen haben zu üben und dass sie über Förderung und Lehrer verfügten, bevor sie mit ihren Leistungen an die Öffentlichkeit getreten sind. Zehn Jahre intensiven Übens sind seiner Meinung nach mindestens nötig, um diesen Leistungsstand zu erreichen. Das ist tröstlich für die, die noch Großes erreichen wollen, aber desillusionierend für die, die noch nichts erreicht haben.

Zielgerichtetes Üben und gute Anleitung machen also den Unterschied zwischen den Genies und den Normalos.

Ein bisschen Talent für ein spezifisches Feld mag dabei auch noch vorhanden sein, räumt Colvin ein, aber es sorgt eher dafür, dass man Interesse aufbringt und sich daher mehr mit der Materie beschäftigt. Und damit schließt sich der Kreis rund um Talent, Flow, Weiterentwicklung und – in unserer Betrachtung – Kreativität. Das Talent sorgt dafür, dass wir uns für etwas interessieren. Wenn wir uns dann darin versenken, erleben wir den Flow-Zustand, den wir immer wieder erleben wollen, und beginnen durch Wiederholung zielgerichtet zu üben, was letztlich zu einem Fortschritt in der kreativen Betätigung führt. Oder im Umkehrschluss: Wer sich für etwas interessiert und nicht von Anfang an sich selbst durch zu große Erwartungen torpediert, der kann große Fortschritte machen und dabei ein um das andere Mal großes Glück erfahren. Nehmen wir uns also nicht die Meisterwerke als leuchtende Vorbilder, die wir kopieren wollen, sondern kopieren wir die Meister selbst in ihrer Hingabe und Beharrlichkeit!

Kreativität – eine neue Sicht auf die Welt

Was ändert sich, wenn man das kreative Medium wechselt? Ein Erfahrungsbericht

Okay, ihr wisst jetzt, wie ich meine Umwelt den größten Teil meines Lebens über wahrgenommen habe. Ihr wisst, dass ich alles, was auf mich einstürzte in Worte gepackt habe und auf der Suche nach der ultimativen Formulierung war. So hätte es theoretisch ewig weitergehen können, wenn sich nicht diese Tapetentür vor mir geöffnet hätte. (Wer nicht weiß, was gemeint ist, lese noch einmal den Eintrag vom 1. November mit der Einführung in dieses Projekt nach.)

Hinter dieser Tür, durch die ich neugierig und wie magisch angezogen trat stürzte eine ganze Menge an neuen Ideen, Informationen und eine neue Weltsicht auf mich ein, die ich versuchen will, euch zu zeigen. Es begann also mit dem Buch „How to make a Journal of your Life“ oder vielleicht war das Buch gar nicht so wichtig, sondern vielmehr mein innerer Zustand. Wer weiß? Jedenfalls begann ich sofort damit, zu zeichnen – und zwar nicht zaghaft mit Bleistift und immer bereit, Missglücktes auszuradieren, sondern mit mutigen, schwarzen, permanenten Tintenstrichen. Mit einem Edding in diesen ersten Tagen! Edding, das bedeutete in unseren Jugendtagen: Für die Ewigkeit. Das geht NIE WIEDER ab. Jeder Strich ein Statement, so fühlte ich mich. Und erstaunlicherweise machte es mir keine Angst, sondern befreite mich. Munter zeichnete ich drauf los. Innerhalb kürzester Zeit kamen weitere Bücher hinzu. Ganz besonders hilfreich war „The Creative License: Giving Yourself Permission to Be The Artist You Truly Are“ von Danny Gregory (zu deutsch etwa: Die Lizenz zur Kreativität: Gib Dir selbst die Erlaubnis, der Künstler zu sein, der Du tatsächlich bist). Und was Betty Edwards mit „Garantiert zeichnen lernen“ bei mir nicht gelungen ist, hat Danny Gregory spielend geschafft. Er hat mich dazu gebracht, richtig hinzusehen. Zeichnen können hat etwas mit sehen können zu tun. Seine Methode sieht so aus: Wenn Du etwas abzeichnen möchtest, dann fahre die äußere Kontur ganz langsam mit den Augen nach, während gleichzeitig Deine Hand in der gleichen Weise über das Papier führt. Du brauchst dazu nicht mal auf das Blatt gucken! Nicht ablenken lassen, nicht mit den Augen hin und her springen, immer nur der äußeren Kontur folgen. Wenn die äußere Umrandung fertig ist, widme Dich in gleicher Weise den inneren Teilen. Auf diese Weise habe ich eine Tasse abgezeichnet, ohne hinzu sehen. Ebenso einen Stuhl, das Innere meines Badezimmerschranks und etliche Dinge mehr. Es funktionierte! Und warum funktioniert das?

Menschen müssen sich untereinander verständigen, um eine Gesellschaft zu bilden. Schon die Steinzeitmenschen mussten sich bei der Jagd verständigen, um den Angriff auf das Wild zu koordinieren. Dazu musste man Landmarken benennen. Also wurden Oberbegriffe gebildet. Nehmen wir das Beispiel „Baum“ – mein Phonetikprofessor wäre beglückt wenn er das lesen würde. Jeder von uns „weiß“, was ein Baum ist, wie er aussieht und er kann ihn überall erkennen. Wenn wir einen Baum malen sollen, malen wir einen Stamm und eine Krone, die meist aus einer mehr oder weniger runden Grundform mit vielen halbkreisförmigen Ausbuchtungen versehen ist. So etwa:

Das ist natürlich kein wirklicher Baum, es ist ein Abbild, das jeder versteht. Hier darf man sich gerne an Platons Höhlengleichnis erinnern, in dem die Menschen in einer düsteren Höhle vor einer Wand angekettet sitzen. Hinter ihnen brennt ein Feuer und es werden Gegenstände so vorbeigetragen, dass die Angeketteten nur deren Schattenriss an der Höhlenwand sehen können. Erst wenn einer aufsteht und sich umdreht, sieht er die wahren Objekte und nur wenn er aus der Höhle heraustritt, erkennt er die Welt in ihrer Gesamtheit. Genau das passiert uns auch beim Zeichnen gewöhnlich. Wir sehen nicht richtig hin, sondern erfassen „Das ist ein Baum“. Also malen wir einen Baum – und nicht das, was wir wirklich sehen. Man muss sich am Anfang förmlich zwingen, den Stift nicht voraus eilen zu lassen, um aufs Papier zu bringen, was wir denken, das wir sehen!!!

Ich sollte ja einen Stuhl zeichnen, so die Aufgabe von Danny Gregory, indem ich genau die Außenkonturen mit Augen und Stift nachfahre und dann erst die inneren Details einzeichne. Es war unglaublich schwierig. Warum? Ganz klar, ich weiß doch, wie ein Stuhl aussieht. Also habe ich immer wieder auf mein logisches Denken umgeschaltet und versucht, die verschiedenen Beine und Verstrebungen des Stuhls „richtig“ d.h. logisch miteinander zu verbinden. Das ging ganz gewaltig daneben im ersten Anlauf. Dieser Stuhl hätte niemals stehen können, und ich hätte mich auch nicht darauf setzen mögen. Erst als ich die Logik abschalten konnte – vergleichbar dem inneren Kritiker beim Schreiben – konnte ich den Stuhl so zeichnen, wie er vor mir stand. Na gut, wenigstens ungefähr, denn außer dem Sehen gehört auch noch etwas Übung dazu. Doch auf diese Weise war es mir rasch möglich, selbst komplizierte Dinge abzuzeichnen. Solange sie sich nicht bewegen und man beim optischen Abtasten nicht gestört wird, geht es richtig gut. Ihr könnt euch vorstellen, dass allein dies schon zu einer veränderten Wahrnehmung meiner Umwelt geführt hat. Ich habe mich von alten Bildvorstellungen getrennt. Ich habe bewusst gesehen, dass ein Baum zwar ein Baum ist, aber jeder Baum anders ist. Jeder Grashalm ist anders, jeder Stein ist anders und vor allem ist jedes Individuum anders. Genau hinsehen muss man, um die Einzigartigkeit zu erkennen und übertragen zu können. Dabei ist es nicht das Ziel, eine genaue Kopie zu machen – dann sollte man zum Fotoapparat greifen – sondern die Besonderheit greifbar zu machen, indem man eine Beziehung zu dem Objekt seiner Zeichnung eingeht. Es wird mein Baum, wenn ich ihn lange genug ansehe. Ich würde ihn wiedererkennen. Ebenso das Haus oder den Berg, den ich gezeichnet habe.

Aber das war nur der Anfang.

Richtig extrem wurde es, als ich mich an die Muster machte. Mir gefielen diese schwarz-weißen Kunstwerke, die aus hundertfach wiederholten kleinen Elementen bestanden und dabei so eine Leichtigkeit ausstrahlten von Anfang an sehr gut. Jetzt machte ich mich selbst daran, solche zu kreieren und kam schnell an den Punkt, wo ich über neue Muster nachdachte. Man kann nur aus simplen parallelen Strichen hunderte von verschiedenen Mustern machen. Man kann schmale Striche im immer gleichen Abstand nebeneinander setzen oder man kann dickere Striche malen oder dicke und dünne Striche abwechseln, in Gruppen anordnen zu zweien, dreien, vieren, fünfen… Man kann senkrechte Striche mit waagerechten abwechseln oder schräge Striche gegeneinander stellen, sodass sie kleine Dächer bilden. Unendliche Möglichkeiten! Und dann nimmt man Bögen, Kreise, Wellen Punkte usw. hinzu und beginnt einzelne Elemente auszumalen, dann zu schattieren und schließlich zu colorieren.

Wenn man einmal damit beginnt, Muster zu suchen, dann ist es zu spät, dann hat der Virus voll zugeschlagen. Auf einmal sieht man überall Muster. Hier ein paar Beispiele, die ich heute Morgen an der Bushaltestelle aufgenommen habe.

   

Seht ihr die Muster? Manche sind sehr einfach, wie die Karos in der Bank, andere hoch komplex, wie die verstreuten Blätter. Schaut euch mal selbst um: Dachziegel, Gehwegplatten, Zäune, Markisen draußen; drinnen das Porzellan, die Bettwäsche, das Tischset, der Topflappen… Es nimmt kein Ende, wenn es einmal angefangen hat.

Um auf die geänderte Sicht noch einmal zu kommen, möchte ich ein Beispiel anführen. Ich war kürzlich mit einer lieben Freundin in einem berühmten Berliner Café am Kurfürstendamm. Wir saßen dort oben und es war bei schönstem Sommerwetter ziemlich voll. Ein Teil von mir wollte alles in Worte fassen, ein anderer Teil mischte im Kopf die Farben an. Der eine Teil versuchte, die Farbe des Kleides genau zu beschreiben, der andere Teil erkannte eine Mischung aus mehreren Farbtönen, die man übereinander anlegen müsste, um die Schattierungen des Stoffes darzustellen. Um mich herum sind seither die Farben dieser Welt schier explodiert! Heute Morgen im Bus hätte ich am liebsten angehalten und die ganzen satten Herbstfarben einzeln studiert oder wenigstens gebührend bewundert. Da waren reine Gelbtöne neben rostig-roten Brauntönen und einzelnen grünen Blättern. Das ganze überthront vom dunklen Grün der Fichten.

Dabei belasse ich es für heute mal. Das war jetzt ziemlich heftiger Tobak, denke ich. Lasst es in Ruhe sacken – oder lasst euch anstecken und kommt in unser Kritzelforum :-) – und dann geht es morgen weiter mit einem ganz besonderen Gefühl: “Flow”. Schon mal gehört? Schon mal gespürt? Was das mit Kreativität zu tun hat? Wir werden sehen…

Kreativität – Autorensicht – Ergänzung

Meine Sicht der Welt in Worten. Die Ausgangssituation (Ergänzung)

Wie bereits gesagt:

„Und das will auch keiner in dieser Detailfülle wissen, wenn wir ehrlich sind.“

Genau das tun manche Autoren aber trotzdem! Sie beschreiben alles bis ins letzte, kleinste Detail und strapazieren damit die Nerven und das Durchhaltevermögen ihrer Leser. Ich offenbare jetzt hiermit, dass ich aus diesem Grund ein Buch nach nur wenigen Seiten weggelegt habe. Es war von dem durchaus bekannten und erfolgreichen Jugendbuchautor Rainer M. Schröder und der erste Band einer ganzen Reihe („Die Bruderschaft vom Heiligen Gral“). Ich habe mich durch die ersten Seiten mehr gequält, als dass ich eingetaucht wäre in die Geschichte. Als in aller Ausführlichkeit ein junger Ritter beschrieben wurde, habe ich aufgegeben. Sagen wir mal so, jeder von uns hat eine Vorstellung davon, wie ein Ritter ausgesehen hat im Mittelalter. Herr Schröder hielt es für nötig, alle Ausrüstungsgegenstände genau zu benennen, ihr Aussehen und ihre Position detailliert zu beschreiben. Das Schwert in seiner Scheide aus keine Ahnung welchem Material, die er auf eine bestimmte Weise am Gürtel befestigt hatte, war soundso lang und hing ihm an der linken Hüfte entlang, schräg nach hinten bis kurz über dem Erdboden, sodass sie ihn behinderte, wenn er Bewegung xy ausführen wollte, jedoch genauso, dass er im Notfall schnell danach greifen und das Schwert an seinem Heft herausziehen konnte… blablabla. Sorry, Herr Rainer M. Schröder, ich konnte das Buch nur angewidert zuschlagen und aus meinem Haus verbannen.

Ja, ich weiß, Geschmäcker sind verschieden und viele Menschen lesen seine Werke gerne. Bitte sehr! Das bestätigt ja nur, was ich im Haupteintrag schon ausführte. Jeder Leser ist anders und braucht etwas Anderes, um angesprochen zu werden.

Und ich weiß, dass ich mit meinen literarischen Vorlieben auch manchmal einsam sein kann. So empfinde ich die Beschreibungen bei Thomas Mann ganz und gar nicht langweilig. Ich denke da zum Beispiel an das Weihnachtsfest, das er in „Die Buddenbrooks“ ausführlich vor dem Leser ausbreitet. Wie die Kinder den festlich geschmückten Raum betreten und alles von Glanz erfüllt ist, der große Baum und wie sehr sich das Zimmer durch die besondere Atmosphäre verändert hat. Das finden andere Leser überflüssig und langweilig, ich genieße es.

Zum genialen ersten Satz und seiner Bedeutung ist mir außerdem in Erinnerung geblieben, dass ich mal einen Roman gelesen habe, in dem der Autor sich eines ganz interessanten Kunstgriffs bedient hat. Er schrieb einen ersten Satz (der wirklich gut war!) und knüpfte sofort seinen inneren Dialog darüber an, ob der Satz gut war und jeden erreicht hat. Um dann eine halbe Seite weiter unten in der Feststellung endete, dass damit schon die erste halbe Seite geschafft sei und nun die gefährliche Klippe umschifft sei, wo diejenigen abspringen, die einen Roman in der Buchhandlung anlesen und gleich wieder weglegen. Übrigens hatte er Recht: Ich habe so geschmunzelt, dass ich das Buch gekauft habe. Der Rest war offenbar weniger gut, denn er ist mir nicht in Erinnerung geblieben, nicht mal mehr der Autor mit Namen. Das sagt nichts Gutes über ihn aus. Sachdienliche Hinweise zur Person dieses Autors und seinem Werk werden gerne entgegen genommen!

Kreativität – Autorensicht

Meine Sicht der Welt in Worten. Die Ausgangssituation

Stellt euch vor, ihr geht durch die Straßen eurer Stadt oder eures Dorfes oder durch den Wald, ihr sitzt in der Bahn, im Flugzeug oder im Restaurant und nehmt alles in eurem Umfeld in euch auf.

Was seht ihr? Was hört ihr? Was fühlt ihr? Was riecht ihr?

Wenn ihr mir diese Frage beantworten wollt, dann müsst ihr beschreiben. Ihr beschreibt mir die Häuser, die Bäume, die Passagiere oder andere Gäste im Lokal. Ihr gebt wieder, was sie für Kleidung anhaben, wie ihre Gesichter und Frisuren aussehen, was sie sich gegenseitig erzählen. Vielleicht sagt ihr mir, welche Musik im Hintergrund gespielt wird oder wie der Raum dekoriert wurde, welcher Vogel da im Unterholz zwitschert, wie es während des Flugzeugstarts in der Magengegend kribbelt und auf den Ohren drückt. Da gibt es also massenhaft Information, die ihr mir übermitteln würdet.

Im Extremfall müsstet ihr davon ausgehen, dass ich blind bin und daher keinen Referenzrahmen habe. Dann hätte ich keine Vergleichsmöglichkeit, wenn ihr mir erzählt, dass die Esserin am Nebentisch die Haare wie Frau Merkel trägt. Ihr müsstet die Frisur im Detail beschreiben. Wo ist der Scheitel? Wie lang sind die Haare vorne und hinten? Ist der Schnitt gerade oder schräg angelegt?

Das kann man unmöglich alles erfassen! Und das will auch keiner in dieser Detailfülle wissen, wenn wir ehrlich sind. Jeder zufällig Anwesende würde etwas anderes herauspicken und mir erzählen. Das hat damit zu tun, was für den Einzelnen wichtig ist. Da ein Autor oder eine Autorin jedoch nicht weiß, was jeder einzelne Leser gerne wissen möchte, ist er oder sie in einem Dilemma. Zunächst einmal berichtet ein Autor (ich lasse mal die Gender-Endung weg, das liest sich besser – auch wenn ich damit Worte für den Wordcount beim NaNoWriMo einbüße) das, was er selbst für wichtig in Bezug auf die Geschichte hält.

Was MUSS ein Leser wissen, um dem Geschehen folgen zu können?

Aber ein bisschen hat der Autor vielleicht auch im Hinterkopf, dass Menschen alle unterschiedlich sind und jeder einen etwas anders ausgeprägten Empfangsmodus hat. Bin ich visuell, auditiv, taktil oder olfaktorisch geprägt? Das heißt, erreichen mich Informationen am besten über den Seh- oder Hörnerv, über das Tasten oder Riechen und Schmecken? Übrigens ist das etwas, das auch Lehrer bei der Differenzierung ihres Unterrichts berücksichtigen sollen – aber das nur am Rande. Wenn ich mein Buch verkaufen will, muss ich jedem wenigstens ein bisschen von dem bieten, was er am besten verarbeiten kann, sonst legt er das Buch nämlich zur Seite! Wenn er es vorher käuflich erworben hat, darf er das natürlich tun, aber er würde auch kein zweites vom selben Autor kaufen. Auf gar keinen Fall sollte er es schon nach dem Anlesen in der Buchhandlung weglegen :-)

Was bedeutet das aber für einen Menschen, der gerne schreibt oder sich gerne mit Worten ausdrückt? Es bedeutet, dass man ununterbrochen versucht, die treffende Formulierung zu finden. Im Kopf formuliert man die Beschreibung, selbst wenn man gar nicht vorhat, über diesen Raum, diesen Wald, dieses Flugzeug, dieses Restaurant zu schreiben. Es ist ein Automatismus, der sich nicht abstellen lässt. Dialoge, die man hört, memoriert man, verknappt sie, überspitzt sie, schleift sie bis sie lesetauglich werden. Gleichzeitig sucht man das richtige Wort, um den Tonfall greifbar zu machen. Und was machen der Sprecher und der Adressat für ein Gesicht? Wie wirkt sich dazu die Atmosphäre des Raumes aus? Gibt es eine Einheit oder vielleicht einen wirkungsvollen Kontrast, den man ausschlachten und verwenden kann? Es wird zu einer Manie – ich gebe es zu – , wenn man damit beginnt, die eigene Erlebniswelt anderen Menschen auf dem Weg der Sprache zu eröffnen. (Dass das mit anderen Wegen ebenso ist, dazu komme ich morgen. Also geduldet euch ein bisschen.)

Bei mir ging das zwischenzeitlich so weit, dass ich selbst nachts im Traum noch an Dialogen geschliffen habe. Dabei schreibe ich gar nicht so gerne in Dialogen, sondern liebe die Beschreibung. Kennt ihr den Film „Wirf die Mama aus dem Zug“ mit Danny DeVito? Da geht es um einen Schriftsteller namens Larry (Billy Crystle), der eine heftige Schreibblockade hat seit seine Frau sein Manuskript geklaut und selbst erfolgreich veröffentlicht hat und nun seinen Lebensunterhalt mit Schreibseminaren an der Volkshochschule (oder wie das amerikanische Pendant dazu heißen mag) verdient. In seiner Klasse sitzt Owen (Danny DeVito), der vom Schreiben träumt und richtig miese Krimis verfasst. Er wohnt als Ödipussi bei seiner Mutter – herrlich gespielt von Anne Ramsey! – und hasst sie abgrundtief, weil sie ihn terrorisiert, er ihr das Ohrenschmalz entfernen muss usw. Immer wieder sieht man, wie er zur langen Schere greift, um sie ihr ins Ohr zu stoßen oder ähnliche Tagträume und Krimiversatzstücke seinerseits, die zu ihrem unschönen Tod führen. Wir sehen aber auch Larry, der vor der Schreibmaschine sitzt und mit der Blockade kämpft. Schon der erste Satz des neuen Romans will einfach nicht glücken. Er sucht nach der einzig wahren, treffenden Formulierung. Da heißt es:

Die Nacht war heiß. Die Nacht war heiß und feucht. Dann war sie schwül. Die Nacht war schwül…

So geht das Lamento von Larry immer weiter, ohne dass er ins Schreiben käme. Später ist es ausgerechnet Owens Mutter, die den fantastischen ersten Satz produziert:

„Die Nacht war zum Ersticken.“

Sie kann dem gewaltsamen Tod durch den wütenden Larry nur knapp entgehen. So geht es Schriftstellern! Sie suchen das richtige Wort, den fantastischen ersten Satz, die ultimative Konstruktion, um den Leser wie mit den Klebefäden einer Spinne einzuwickeln und nicht mehr aus den Fängen zu lassen, bis er dieses Buch und alle weiteren desselben Autors gekauft und verschlungen hat. So läuft das! Im Idealfall.

Als Gegenbeispiel zu diesem verkrampften Herangehen möchte ich noch ein Buch und ein Projekt besonders erwähnen. Es geht nämlich auch ganz anders:

Der wunderbare Comic (Hardcover) „Doktor Dodo schreibt ein Buch“ von Ole Könnecke, erschienen bei Carlsen Comic, ist eine humorvolle Umsetzung der diversen Schreibratgeber auf dem Markt. Erzählt wird wie Doktor Dodo sich langweilt, weil er alle Bücher in seiner Bibliothek bereits gelesen hat. Er fasst den Entschluss, selbst ein Buch zu schreiben und zwar genau das Buch, das er schon immer lesen wollte. Nachdem er sich genau überlegt hat, wie der Protagonist sein soll (er gleicht ihm aufs Haar oder vielmehr auf die Feder, ist ja ein Dodo), macht er sich ans Schreiben. Seine Überlegungen dazu lesen wir in den Sprechblasen:

„Und jetzt schreibe ich den ersten Satz! Der erste Satz ist ja bekanntlich der wichtigste. Der erste Satz ist wie die Ouvertüre einer grossen Oper, wie das Fundament einer Kathedrale. Wenn der erste Satz nichts taugt, kann man das ganze Buch vergessen.“

Soweit die Vorüberlegungen, die sich mit dem Film und dem schreibblockierten Schriftsteller decken. Doch dann kommt die entscheidende Wendung bei Doktor Dodo:

„Also gut. Ich fange erst Mal mit dem zweiten Satz an. Wozu sich das Leben unnötig schwer machen.“

In dieser wirklich heiteren Weise arbeitet sich Doktor Dodo durch seinen Roman. Dabei sind die Schreibhinweise absolut treffend und werden dann eben auf einer zweiten Ebene von Doktor Dodo sofort befolgt, wie wir lesen können. Ein riesiger Spaß für alle, die gerne mal einen Schritt zurück treten wollen, um sich beim Lesen zu beobachten und ihre Erwartungen ans Licht gezerrt zu sehen. Für Schreiber aller Niveaus ist das noch mal zusätzlich spannend.

Die andere Möglichkeit, ganz locker einen Roman zu schreiben ist natürlich das internationale Projekt „National Novel Writing Month“. In 30 Tagen einen Romanentwurf mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben klingt nach einer Tortour ist doch ein großer Spaß. Der Trick ist, den inneren Kritiker auszuschließen aus dem Schreibprozess. Gewöhnlich arbeiten beide Gehirnhälften beim Schreiben ständig zusammen. Die eine Seite liefert die Bilder, die Atmosphäre usw. die andere achtet auf Logik, korrekten Satzbau, Rechtschreibung und andere Formalitäten. Das ist ein tolles System! Allerdings eines, das den Prozess sehr verlangsamt. Wenn man jedes Wort auf die Goldwaage legt und wieder und wieder feilt, dann dauert es ewig, auch nur eine Seite zu Papier zu bringen. Darum schreibt man im NaNoWriMo ohne den inneren Kritiker oder Zensor und verschiebt den logischen, ordnenden Arbeitsteil auf den Dezember. Es gelingt nicht immer, ich gebe es zu. Aber das Prinzip wird uns im Laufe dieser Texte über Kreativität noch manches Mal begegnen. Zwar glaubt jeder Teilnehmer während des Schreibens, er schriebe Mist, Blödsinn, habe hunderte Fehler gemacht, aber er schreibt einfach weiter! Irgendwann läuft es fast von selbst. Die Figuren erzählen ihre Geschichte, der Autor schreibt diese nur auf – wie bei einem Diktat. Denken? Unangebracht. Nur schreiben.

Und genau an dieser Stelle fließen dann all die Beobachtungen ein, die man in seinem Leben gemacht hat. Wie fühlt es sich an, wenn das Flugzeug startet? Wie sieht der Wald aus, wie klingt er, wie fühlt er sich an, wie riecht er? Ein witziger Dialog im Restaurant? Haben wir zu hunderten im Oberstübchen abgespeichert. Die Menschen, die Häuser, die Atmosphäre an bestimmten Orten… Beim NaNoWriMo und sonstigen Schreiben lassen wir sie einfach in den Text fließen. Und darum bestand meine Welt immer aus Worten.

Was sich geändert hat, als ich das kreative Medium gewechselt habe, das berichte ich morgen.

Kreativität – Einführung in mein Novemberprojekt

Hiermit beginne ich offiziell meine Arbeit am „National
Novel Writing Month“! Dieses Jahr wie angekündigt als Rebellin, die eben keinen
Roman schreibt, sondern Essays und Texte rund um Kreativität und ihre verschiedenen
Ausprägungen. Heute möchte ich euch zunächst eine Einführung in dieses Projekt
geben, das mich einen Monat lang beschäftigen wird. Ich berichte euch, was mich
zu diesem Vorhaben veranlasst, ab wann ihr jeweils mit dem täglichen Eintrag
rechnen könnt und welche Themen ich auf der Liste habe. Dann wisst ihr gleich,
ob es sich für euch lohnt „dranzubleiben“. Ich hoffe natürlich, dass ihr
dranbleibt, lest, kommentiert, eigene Erfahrungen hinzufügt!

Ich habe immer gedacht, ich wäre kreativ, weil ich viel
geschrieben habe, weil ich Musik gemacht habe, weil ich gebastelt habe und
Handarbeiten machte, aber erst in diesem Jahr habe ich erfahren, was
Kreativität wirklich ist. Wie es dazu kam? Mein Medium war immer die Sprache.
Ich kann mich gut ausdrücken, Menschen mit meinen Ausführungen begeistern – wie
bei den Führungen durch das Museum -, habe Geschichten erzählt und geschrieben,
genieße Sprache beim Lesen, Sprachspiele wurden täglich gemacht, ich kann mir
hunderte Filmzitate merken usw.

Es stand für mich fest: Meine Welt ist aus Worten gebaut und
ich baue sie in Worten weiter.

Trotzdem gab es da immer diesen großen Wunsch, zeichnen zu
können. Ich habe es mit diversen Büchern versucht. Das heißt ich habe Material
gekauft, mich an die Arbeit gemacht, mir große Projekte vorgenommen – und bin
gescheitert. Schon nach relativ kurzer Zeit habe ich den Versuch aufgegeben, da
ich keine Verbesserung gesehen habe. Und wenn das Buch heißt „Garantiert
zeichnen lernen“, dann bedeutet es noch immer nicht, dass man sich darauf
berufen kann, wenn es nicht klappt. Auch „Der Weg des Künstlers“ ist nett, aber
ehrlich gesagt hatte ich sehr bald genug davon, mein inneres Kind zu verwöhnen.
Letztlich kam ich mir etwas albern vor. Doch die Sehnsucht blieb…

Also lenkte ich mich mit Bastelarbeiten ab. Hunderte von
Freundschaftsbändern mit möglichst komplizierten Mustern beschäftigten mich.
Scherenschnitte, Perlenweben, Häkeltiere, Socken stricken, Kalligrafie, Origami
und was weiß ich nicht noch alles konnte ich perfekt nach Vorlage duplizieren.
Toll! Aber ist das kreativ?

Und sagte ich schon, dass ich seit Kindertagen Jahr für
Jahr, Woche für Woche Instrumentalunterricht hatte? Blockflöte, Klavier,
Querflöte, Klarinette, Saxophon, dann wieder Klavier und später noch Gesang –
das muss doch zur Kreativität zählen, oder?

Das habe ich zumindest gedacht. Inzwischen weiß ich es
besser und das kam so: Ich war an einem gefühlten Tiefpunkt meiner
Tagebuchschreiberei angekommen. Mir fehlte darin etwas. Wenn ich durch die
Seiten blätterte, sah ich eine Tintenwüste. Zwar klebte ich fleißig Postkarten
und Erinnerungsstücke ein, verwendete auch mal Farben oder eine Zeit lang
Symbole, doch letztlich überwog der Eindruck von ausnahmslosem Text. Das gefiel
mir absolut nicht mehr. Also machte ich mich auf die Suche nach Anregungen und
fand ein wunderbares Büchlein von Dan Price mit dem Titel „How to make a
Journal of your Life“. Darin beschreibt der Autor, wie er ein Journal führt,
was dort alles hinein kommt und vor allem sieht man sein Journal in dem Buch.
Es wurde von ihm von Hand geschrieben und gezeichnet. Die Zeichnungen sind
meist nicht perfekt – wenn man den Maßstab der sichtbaren Wirklichkeit anlegt –
aber eindrucksvoll, persönlich und voller Charakter. Sie haben mich sofort
angesprochen. Es war, als hätte sich vor mir eine Tür ganz weit geöffnet, die
ich vorher nicht einmal gesehen habe. So wie diese Tapetentüren in den
Schlössern, die einem beim flüchtigen Blick verborgen bleiben. Nun stand sie
offen und ich trat staunend hindurch. Oder man kann es mit einem Kloster im
Mittelalter vergleichen: Für den Normalsterblichen war es verschlossen, außer
am Gründonnerstag. Dann durften Bauern hinein in die Klausur, bekamen die Füße
gewaschen, ein Stück Brot und eine Münze. Was müssen die ob der Pracht gestaunt
haben! Hohe Wände aus Stein, verputzt, Glasfenster und das Gefühl, geborgen zu
sein. Dieses Staunen spiegelt sich noch heute auf den Gesichtern der Besucher
unseres Klostermuseums. Doch ich schweife ab, Entschuldigung.

Am Ende des Buches bedankt sich Dan Price unter anderem bei
der Firma, die ihm die Stifte für sein Buch zur Verfügung gestellt hat und
weist auf deren Website hin. Da ich total materialverliebt bin und immer das
perfekte Werkzeug brauche, wenn ich etwas Neues anfange, musste ich auch diese
Stifte haben. Klar. Auf der Website fand ich Arbeitsproben von Dan Price und
anderen Künstlern mit diesen Stiften. Und dann öffnete sich die nächste Tür:
Ich entdeckte Bilder und Videos, auf denen Muster entstanden. Schnell wurde ich
aufmerksam auf Zentangle®. Und ehe ich es mich versah, saß ich nicht nur mit
meinen Stiften vor dem Tagebuch und malte, was das Zeug hielt, sondern
kritzelte auch dauernd Muster vor mich hin. Das Ergebnis seht ihr ja hier im
Blog. In den folgenden Monaten habe ich mich intensiv mit etlichen Büchern rund
um Kreativität befasst und viele neue Erfahrungen im künstlerischen Bereich
gemacht. Plötzlich ergeben auch andere Bücher, die ich irgendwann gelesen und
dann fast vergessen hatte, einen neuen Sinn. Seither wälze ich die Thematik in
Gedanken um und um. Darum schreibe ich dieses Jahr keinen Roman, sondern mal
die Gedanken auf, die mich wirklich beschäftigen.

Und das erwartet euch unter anderem in den nächsten Tagen
inhaltlich:

  • Meine Sicht der Welt in Worten. Die Ausgangssituation
  • Was ändert sich, wenn man das kreative Medium wechselt? Ein Erfahrungsbericht
  • Flow und Kreativität
  • Ich habe fertig – und das macht mich glücklich. Gefühle und Kreativität
  • Wenn Kreativität gefordert wird (1. Teil: Kreativität in der Schule am Beispiel des Kunstunterrichts)
  • Wenn Kreativität gefordert wird (2. Teil: Berufsleben und sogenannte Kreativitätstechniken)
  • Wir brauchen keine Anleitung, um kreativ zu sein! Ein Blick auf Kinder
  • Kreativität? Ein Punkt beim Buzz Word Bingo!
  • Ich träume also bin ich kreativ. Unwillkürliche Kreativität
  • Wer braucht schon Noten? Kreativität in der Musik
  • Wenn der Geschmackssinn kreativ wird: Kochen als Kunst
  • Unmögliche Gleichung: Bei geringer Anzahl der Elemente eine unendliche Vielfalt erreichen (Mode)
  • Wenn Kreativität zur Uniformität wird – moderne Architektur
  • „Das ist der Familienbenutzer.“ Was könnten wir sonst noch brauchen? Auf der Suche nach neuen Werkzeugen,
    Industriedesign und witzigen Gadgets.
  • Ich will meiner Einzigartigkeit Ausdruck verleihen. Kreativität in der Selbstdarstellung
  • Kreativität und Moral: Schwindeln, Übertreiben, Zeitungsenten
  • Zurück zum Journal – Was macht ein wirklich kreatives Leben aus?
  • Wer war oder ist der kreativste Mensch der Welt: Ein Ranking

Da ich „nebenher“ noch arbeiten muss und im November keinen
Urlaub habe, werde ich die Artikel hier meist erst am späten Nachmittag oder
Abend veröffentlichen. Vorher wird es kaum möglich sein, da ich hier – anders
als im normalen NaNoWriMo – korrigieren muss. Nur aufschreiben reicht diese Mal
eben nicht. Es soll ja lesbar werden und das gleich im ersten Anlauf. Daher
habe ich auch mein Wortziel herabgesetzt auf 1.000 Wörter pro Tag, statt 1.666
wie bei dem Entwurf eines Romans gefordert.

Das sollte als Einführung genügen. Es würde mich freuen,
wenn ihr morgen wieder lesen würdet. Für Anregungen rund um das Thema
Kreativität bin ich dankbar. Vielleicht fehlt ja noch etwas auf meiner Liste?

NaNoWriMo – Ankündigung

Der November steht vor der Tür und damit einer der aufregensten, stressigsten, aber auch spaßigsten Monate für Menschen, die gerne schreiben. Es soll sogar solche geben, die vorher noch gar nicht geschrieben haben und trotzdem teilnehmen, denen kann man nur eine gehörige Portion Abenteuerlust unterstellen.

Aber von Anfang an. Was macht den November so besonders? Es ist der ”National Novel Writing Month” (kurz NaNoWriMo), der Tausende Menschen weltweit bei dem Versuch vereint, in 30 Tagen einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Der Clou besteht darin, seinen inneren Kritiker auszuschalten und einfach zu schreiben, was einem in den Kopf kommt. Ja, es gibt viele Teilnehmer, die vorher umfangreich planen und sich damit sicherer fühlen, aber es geht eben auch ohne. Man kann sich am 31. Oktober oder sogar noch am 1. November spontan entscheiden und den Sprung ins kalte Wasser wagen und dennoch ebenso gute Aussichten auf Erfolg wie die vorsichtigen Vorausplaner.

In den letzten vier Jahren habe ich jeweils an diesem Projekt teilgenommen – zweimal mit Erfolg, zweimal ohne – und vor allem Spaß daran gehabt. Ganz wichtig ist nämlich, dass man nicht allein ist, sondern weiß, dass rund um den Erdball Gleichgesinnte sitzen. Und die sieht und hört man auch ständig im Internet! Sie sind im Forum, bei Twitter, bei Facebook, in Blogs und tatsächlich auch in realen Treffs präsent. Es ist einfach toll, dabei zu sein!

Für dieses Jahr habe ich lange mit mir gehadert, ob ich wohl erneut teilnehmen will/soll… Eigentlich steht das Schreiben in meinem Leben nicht mehr so weit oben auf der Prioritätenliste. Ich habe auch gar keine Lust, einen Roman zu schreiben. Aber ich möchte dennoch gerne dabei sein – Zwiespalt. Vor einigen Tagen habe ich dann entschieden, zur Rebellin zu werden. Rebellen sind bei NaNoWriMo die Menschen, die keinen Roman schreiben, sondern etwas Anderes, oder nicht neu schreiben, sondern überarbeiten, oder die einfach ein ganz anderes Ziel in diesen 30 Tagen erreichen wollen. So eine bin ich jetzt auch.

Ich werde statt eines Romans Essays hier im Blog verfassen. Jeweils mindestens 1.000 Wörter pro Tag. Dabei wird es um die verschiedenen Facetten der Kreativität gehen, darum, wie diese verschiedenen Formen der Kreativität unseren Alltag und die Wahrnehmung unserer Umwelt beeinflussen und alles, was mir sonst noch zu diesem Themenkomplex einfallen wird. Ich habe über dieses Thema so viel gelesen, das muss einfach irgendwo wieder raus, könnte man sagen. Und ich finde, dann ist NaNoWriMo der richtige Zeitpunkt und mein Blog der richtige Ort genau für diese Idee.

Bis dann, im November!

 

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