Das geheime Vermächtnis – Buchkritik

Ich hatte das Buch “Das geheime Vermächtnis” (von Katherine Webb) Ende letzten Jahres von Ina beim Wichteln bekommen und mich sehr darüber gefreut. Mit Büchern kann man mich ja fast immer erfreuen ;-) Ich kam nicht sofort dazu, es zu lesen, aber vor ein paar Tagen war es soweit – und gestern Abend bin ich erst ins Bett gegangen, nachdem ich es zuende gelesen hatte. Nun wollte ich die Lösungen aller Rätsel kennen!

Kurz zum Inhalt:
Das Buch beinhaltet zwei Stränge, der eine wird in der dritten Person und Vergangenheitsform erzählt – er handelt zwischen 1902 und 1905 von Caroline, knapp 20 Jahre alt, die aus New York stammt, einen Rancher aus dem “Wilden Westen” heiratet und unter der Weite der Prärie leidet. Der zweite Erzählstrang wird in der Ich-Perspektive erzählt, spielt in der Gegenwart und berichtet on zwei Schwestern, die den Familiensitz in England von der Oma geerbt haben und dort über Weihnachten hinziehen, um zu sehen, ob sie das Erbe annehmen können/wollen. Sie treffen alte Freunde aus der Kindheit und schlagen sich mit dem Geheimnis um ihren verschwundenen Cousin herum.

Von Anfang an hat mich die alte Geschichte um Caroline stärker bewegt und mehr gefesselt. Vielleicht auch deshalb, weil ich Geschichten lieber in der dritten Person lese. Im letzten Drittel des Romans verschob sich mein Interesse dann hin zur gegenwärtigen Geschichte mit den zwei so unterschiedlichen Schwestern und ihrer Verbindung zu den “Zigeunern (politisch unkorrekt, aber so im Roman genannt), die auf dem Anwesen des Herrenhauses lagern dürfen. Schließlich verbinden sich die beiden Stränge in der Form, dass Caroline eine Ahnin der beiden Mädchen ist, die diese noch von ganz früher als verbitterte Frau kennen. Insgesamt kann man also sagen, dass mich das gesamte Buch interessiert und gut unterhalten hat. Es gibt einige wenige Szenen, die ich so nicht hätte haben mögen, die ein bisschen sehr konstruiert daher kommen, aber alles in allem ein schöner Roman, den man gut lesen kann, in den man eintauchen kann nach einem Arbeitstag.

Ich habe geschwankt, ob ich drei oder vier Sterne vergeben soll… Habe mich dann für drei entschieden, weil es gut, aber nicht sehr gut war. Für mich sind drei Sterne noch immer eine positive Bewertung. Danke Ina!

Wem würde ich das Buch empfehlen? Frauen, da es sich ausschließlich um Protagonistinnen und typische Frauenbiografien handelt. Da geht es um unerfüllten Kinderwunsch, Liebesheirat vs. Vernunftehe, die erste Liebe, Depressionen, Schuldgefühle und ähnliches mehr. Dabei ist das Buch aber nicht nur tragisch, sondern eben auch voller Hoffnung darauf, sein Leben umzukrempeln und neu aufzubauen.

Stilübungen

Der französische Autor Raymond Queneau wurde vor allem durch seinen 1958 erschienenen Roman “Zazie in der Metro” berühmt. Seine Stilübungen (Original Exercices de Style) erschienen 1947 erstmals und sind eindeutig als sprachliches Experiment zu verstehen.

Der Inhalt in aller Kürze:

Queneau entwirft eine kurze Handlung (s.u.) und schreibt diese auf insgesamt 98 verschiedene Arten nieder. Ziel ist es, die verschiedenen Stile in Reinform vorzuführen, die uns sonst in der Literatur in sparsamer Dosis begegnen.

Ein Mann fährt im voll besetzten Autobus. Sein Blick fällt auf einen jungen Mann, der einen merkwürdigen Hut trägt und dessen Hals zu lang aussieht, weil ein Knopf am Mantel fehlt. Durch das Gedränge, tritt ihm der Nebenmann auf den Fuß, es gibt einen kurzen Streit, der sich auflöst, als der Hutträger einen freien Sitzplatz ergattern kann. Später am Tag sieht der Erzähler den Mann wieder, als er (wieder im Bus) an ihm und einem zweiten Mann vorbeifährt.

Soweit die Ausgangslage.

Kritik:

Der Ansatz ist reizvoll. Leider ist die Ausgangssituation ziemlich banal und bietet wenig Spielraum für die ausprobierten Stilmerkmale. Hinzu kommt, dass die “Stilübungen” so stark überzogen sind, dass etliche Textversionen völlig unlesbar werden. Zum Lesen ist dieses Buch also nicht direkt geeignet.

Mein Ansatz:

Als Anstoß für eigene Schreibübungen finde ich es aber ganz ausgezeichnet. Darum habe ich begonnen, die Übungen mit einer eigenen Szene durchzuführen – etwas länger, etwas moderner und lebensnah – ohne dabei unleserliche Ergebnisse zu erzielen. Heißt, ich dosiere die angewandten Stile etwas niedriger und beobachte, was mit mir beim Schreiben passiert, wie sich der Text verändert und reflektiere über die Einsatzmöglichkeiten.

Um meine geneigten Leser aber nicht zu langweilen, kommen diese Artikel auf eine eigene Unterseite.

Zitat über das Nicht-Schreiben von Büchern

Hier ein wunderbarer Auszug aus dem Roman “Irgendwo ganz anders” von Jasper Fforde:

“Wíe geht’s denn mit deinem Buch?”, fragte ich und nahm das Strickzeug  wieder auf.

“Der Ratgeber?”

“Nein, das Opus magnun.”

Landen dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: “Ich überlege immer, ob man die mangelnden Fortschritte jetzt eine Schreibblockade, Zögern, Trödelei oder Unfähigkeit nennnen soll.”

“Nun ja”, sagte ich mit vorgetäuschter Ernsthaftigkeit, “das ist schwer zu entscheiden. Hast du schon mal daran gedacht, dass alle vier Gründe zutreffen könnten?”

“Bei Gott!”, sagte er und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. “Da könntest du recht haben!”

(zitiert nach der 2. Auflage 2010, dtv Premium, Seite 18)

Das fühle ich auch oft genug, wenn ich daran denke, dass mein Roman in erster Linie in meiner Vorstellung wächst und weniger auf dem Papier oder der Festplatte, als ich es mir wünschen würde. Wobei ich Grund 4 doch strikt von mir weisen möchte.

Der Brunnen der Manuskripte

Nun zum Untergeschoss der großen Bibliothek in Jasper Ffordes Werken. Diese haben mich ganz besonders beeindruckt oder vielmehr inspiriert! In den 26 Kellergeschossen lagern alle erzählenden Werke, die (bislang)  nicht veröffentlicht worden sind. Thursday Next macht im dritten Buch der Reihe in einem dieser unausgegorenen Romane Mutterschaftsurlaub. Sie ersetzt zeitweilig im Rahmen eines Figuren-Austausch-Programms eine Figur namens Mary. Sie übernimmt deren Part innerhalb der Erzählung, kommt nur in einigen Kapiteln vor und hat ansonsten Freizeit. Sie wohnt auf einem umgebauten Wasserflugzeug, in dem auch zwei Rohlinge einquartiert werden. “Rohlinge” sind keine gemeinen Verbrecher, sondern Figuren, die noch keine Eigenschaften haben. So sehen sie am Anfang völlig gleich aus und haben die gleiche Stimme. Sie kennen keine Ironie, verstehen alles wörtlich und haben weder Eigenschaften, noch Erinnerungen, noch sonstige Merkmale. Im Laufe der Zeit lernen sie an St. Tabularasa alles wesentliche, um später in einem Buch eine Rolle zu übernehmen. Je nach Fähigkeiten und Ausbildung erreichen sie verschiedene Kategorien, die sie befähigen kleine Statistenrollen, Nebenrollen oder sogar Hauptrollen zu bekommen. Ganz nebenbei wird dabei deutlich, worauf es bei der Entwicklung eines Charakters ankommt – sehr hilfreich für Schreibende!

In den Untergeschossen gibt es einen regen Handel mit Requisiten, Erinnerungen, Persönlichkeiten, Schauplätzen, Ereignissen usw. die zu einem Buch gehören, diesem Spannung verleihen oder sie sonstwie besonders machen. Die Figuren der Manuskripte halten sich zwischen ihren Auftritten in den Büchern dort auf, erwerben, was ihnen hilfreich erscheint und versuchen so, ihrem Manuskript zur Veröffentlichung zu verhelfen. Dazu ist interessant zu erfahren, auf welche Weise Bücher überhaupt entstehen – zumindest in dieser bestimmten, fiktionalen Realität:

BildErfassungsGerät (BEG): Eine Maschine, mit deren Hilfe im Brunnen Bücher verfasst werden. Das BEG ähnelt einem großen, meist aus Messing gefertigten Trichter (oft mit einem Durchmesser von bis zu acht Fuß), der mit einem polierten Mischpult aus Mahagoni verschraubt ist, das mehr Register und Tasten enthält als die Klaviatur einer Orgel. Während die Geschichte aufgeführt wird, werden die Handlungen, Dialoge, Gefühle etc. vom Aufnahmetrichter erfasst, am Mischpult gemischt und als Rohmaterial an TextGrandCentral geschickt, wo es die Wortschmiede in lesbaren StoryCode hämmern. Anschließend wird es direkt in die Feder, die Schreibmaschine oder den Wordprocessor des Autors gebeamt. Gleichzeitig geht es über Fußnotofon zurück in den Brunnen. Die Seite wird gelesen, überprüft und – wenn alles in Ordnung ist – dem Manuskript hinzugefügt. Dann können die Figuren weitermachen. Das Schöne an dem System ist natürlich, dass der Autor von alledem gar nichts merkt. Er denkt, dass er alles macht.

In Zeiten der Plagiatsvorwürfe hier die Quelle: Jasper Fforde, Im Brunnen der Manuskripte, 3. Auflage 2010, dtv (Seite 106).

Es treten außer den Textschmieden noch Echo-Finder auf, die dafür sorgen, dass sich Worte nicht zu oft oder zu schnell hintereinander wiederholen, der GattungsRat, der alles überwacht, die Salomon GmbH, die Urteile in Schlichtungsangelegenheiten fällt (zuständig unter anderem für die Ausnahmen bei der Rechtschreibung), mythische und literarische Gestalten (genannt Fiktionäre) aller Art, sowie die erstaunlichsten Erfindungen.

Bei all dem steckt viel Liebe zum Schreiben dahinter. Auch wenn die Fantasie mit Fforde durchzugehen scheint, so sind viele der aufgezeigten Elemente tatsächlich wichtig, um eine gute Geschichte oder gar einen guten Roman zu schreiben. Also unterhaltsam und lehrreich zugleich.

Übrigens, wenn Manuskripte einfach zu schlecht sind, obwohl schon HandlungsAnpassungen vorgenommen wurden, Plotter und Lochflicker am Werk waren, dann wird das ganze Werk in die TextSee gekippt, löst sich dort in seine Bestandteile auf und verschwindet. Manches wird später von den TextKuttern wieder aus der See gezogen und kommt wieder in den unterirdischen Handel.

Die BuchWelt

Einen besonderen Unterschied zwischen unserer Realität und der in den Thursday Next-Romanen ist die lebendige BuchWelt (das schreibt Fforde so).  Es ist so, dass die Figuren in Büchern ein Eigenleben haben und dieses in ihrer eigenen Welt führen. Alle Bücher sind über “die große Bibliothek” miteinander verbunden. In 26 oberirdischen und ebenso vielen unterirdischen Geschossen werden alle jemals erschienen (oberirdisch) oder jemals geschriebenen, aber nicht veröffentlichten (unterirdisch) Bücher gesammelt. 26 Stockwerke – für jeden Buchstaben des Alphabeths eines. Die Bücher sind nach den Nachnamen ihrer Autoren abgelegt. Übrigens hat jede Sprache ihre eigene Bibliothek. Die Thursday Next-Romane sind mit der englischen Filiale verknüpft. Es kommen also nur Figuren aus der englischen Literatur vor. Die meisten aber wohlbekannt. Die Etagen heißen “Brunnen der Manuskripte”, worauf ich gleich noch eingehen werde, weil dies der eigentlich spannende Teil für alle ist, die selber schreiben.

Die große Bibliothek wird von der Jurisfiktion überwacht. Thursday Next wird dort als Auszubildende aufgenommen und schafft es bis auf den Chefsessel des Protokollführers (Band 4). Aufgabe dieser Gesetzeshüter ist es, die Literatur vor Schädigungen zu schützen. Also eine ähnliche Aufgabe im Inneren der Bücher, wie Thursday sie in Band 1 in der Außenwelt bei SO-27 vornimmt. Sie lernt in die Bücher zu springen (und wieder hinaus), sie bekämpft Grammasiten (Parasiten, die erheblichen Schaden an den Wörtern selbst vornehmen können, wenn ein Buch erstmal befallen ist) und den Mispelling Vyrus (eine fiese Krankheit, die Wörter verändert, indem Buchstaben ausgestauscht werden), muss den Minotaurus einfangen und gerät immer wieder in Gefahr für Leib und Leben. Darüber hinaus soll ein neues Betriebssystem installiert werden, das einige Fragen aufwirft. Ein sehr kritischer Teil in diesen Büchern, der nicht allein in der BuchWelt, sondern auch in unserer Realität bedenkenswert ist. Übrigens nicht der einzige Punkt, an dem Fforde den Finger in eine aktuelle Wunde legt. Über den ganzen Spaß hinaus sind die Bücher durchaus gesellschaftskritisch zu lesen und enthalten einigen Zündstoff, wenn man ihn sehen will. Die Erfindungen von Onkel Mycroft, die Goliath-Gesellschaft, die im vierten Band als Religionsgemeinschaft anerkannt werden will, ein rechter Politiker, der sich zum Diktator ausrufen will, während der alte Präsident seine Unterschrift verweigert… Viel Fantasie braucht man nicht, um die Anspielungen zu verstehen.  Dafür entwickelt der Autor umso mehr Fantasie wenn es um seinen Brunnen der Manuskripte geht.

Thursday Next – eine Einführung

Ich hatte gestern angekündigt, dass ich euch meine neuen Lieblingsromane rund um Thursday Next vorstellen will. Hier zunächst eine Beschreibung der Grundlagen:

Es handelt sich um die Protagonistin in (bisher) fünf Romanen des walisischen Autors Jasper Fforde. Thursday lebt in einem Paralleluniversum. Vieles ist unserer Realität gleich, einiges ist sehr anders. Die wichtigsten Unterschiede:

  • Wales ist unabhängig von England (liegt dem Autor wohl am Herzen).
  • England hat über 130 Jahre lang den Krim-Krieg gegen das Zarenreich geführt.
  • Der Düsenantrieb wurde nicht weiter verfolgt, stattdessen wurde das Luftschiff perfektioniert. Für schnelle Reisen gibt es die Gravitube, eine Art Magnetbahn, die sowohl auf der Erdoberfläche, wie auch mitten durch den Erdkern hindurch führt.
  • Ausgestorbene Rassen werden geklont (zum Teil in Experimentierkästen für zuhause), so dass sich der Dodo als verbreitetes Haustier in diesen Romanen tummelt.
  • Ganz wichtig: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde England mit der Unterstützung des Unternehmens “Goliath” wieder aufgebaut, das dafür für alle Zeiten Narrenfreiheit hat, alle wichtigen staatlichen Gremien und Aktionen überwacht und beeinflusst.
  • Zusätzlich zur normalen Polizei gibt es die “SpecOps”, also Spezialeinheiten. Die sind so geheim, dass man nur von den wenigsten weiß, was sie machen.

Thursday ist Agenten bei SpecOps 27. Diese Abteilung beschäftigt sich mit Literatur. Zum einen werden Fälschungen untersucht, zum anderen wird darauf geachtet, dass niemand die Originale beschädigt, verändert oder sonstwie manipuliert. Zuvor war Thursday erst im Krieg auf der Krim, dann bei der Polizei. Ihre Familie ist reichlich ungewöhnlich. Ihr Vater ist bei der ChronoGarde gewesen und hat damit die Zeitlinien verändert. Da er wohl sehr unbequem war, wurde er “genichtet”, also in der Vergangenheit gelöscht. Dennoch reist er weiter durch die Zeit und besucht seine Tochter hin und wieder. Ihre Mutter lebt mit Onkel Mycroft (einem genialen Erfinder) und Tante Polly zusammen. Thursday hatte zwei Brüder. Anton ist im Krim-Krieg gefallen und Joffy ist Priester in einer Kirche, die alle Heiligen, alle Gebräuche und Glaubensgrundlagen vereinigt. Ach ja, und dann hat Thursday noch einen Dodo namens Pickwick.

Der erste Band der Reihe heißt “Der Fall Jane Eyre”. Thursday muss sich mit einem fiesen Verbrecher namens Acheron Hades auseinandersetzen, der Jane Eyre aus ihrem Roman entführt, um England zu erpressen. Möglich wird dies durch eine Erfindung Mycrofts. Das ProsaPortal öffnet Bücher. Voller Verwunderung stellt Thursday fest, dass es Menschen gibt, die auch ohne Portal in Bücher hineinspringen können. Damit eröffnet sich ihr – und dem Leser – eine völlig neue Welt.

Was die Romane ausmacht, ist ihre Fantasie, ihr Wahnsinn (im besten Sinne des Wortes). Fforde nimmt die Literatur über weite Strecken gehörig auf die Schippe. Ein bisschen erinnern die Ausführungen in diesem ersten Band an Werke von Matt Ruff oder Terry Pratchett. Um diese Bücher zu genießen, muss man diese andere Realität einfach hinnehmen und sich mitreißen lassen. Mir hat besonders der dritte Band gefallen, den ich soeben ausgelesen habe. Warum? Dazu morgen mehr. Nur soviel sei verraten: Aus dem Band “Im Brunnen der Manuskripte” können Schreiberlinge viel lernen…

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